Glücklicherweise gab es hier keine größeren Kampfhandlungen. Als die Rote Armee am 2. Mai Premnitz kampflos einnahm, hatten Ort und Werk den Zweiten Weltkrieg weitestgehend unbeschadet überstanden.
In den letzten Kriegsjahren hatte es oft Fliegeralarm gegeben, wenn alliierte Flugzeuge in Richtung Berlin flogen. Schließlich gehörten Premnitz und Döberitz durch die Werke zur Gefahrenzone 1. Doch eine massive Bombardierung blieb aus. Am 18. April 1944 fielen zwar einige Brand- und Sprengbomben, davon sechs auf das Fabrikgelände, ohne wesentlichen Schaden anzurichten. Offensichtlich wurden die benachbarten Werke von Bombardements ausgenommen, um die mit Lizenz amerikanischer und britischer Firmen betriebene Novoktan-Anlage (Bleitetra) in Döberitz zu verschonen. Amerikaner und Briten verdienten auch im Krieg an jeder Tonne des hier produzierten Novoktans. Übrigens wäre bei einer Zerstörung dieser für Flugzeugtreibstoffe unverzichtbaren Produktion die deutsche Luftwaffe nicht mehr einsatzfähig gewesen.
Nach Übergabe des Werks an die sowjetischen Truppen kam es zum Produktionsstillstand. Auf Befehl des Stadtkommandanten wurde jedoch bereits am 3. Mai das Kraftwerk wieder angefahren, um Strom in das Netz zu liefern.
Im Werk waren im Juni 1945 nur noch circa 80 Personen mit einer Behelfsproduktion beschäftigt. Lagerbestände des Aktivkohlebetriebs wurden zu Medizinalkohle umgearbeitet. Die Apotheken der Umgebung waren dankbare Abnehmer. In den Laboratorien wurden kleine Mengen an Medikamenten und anderen Erzeugnissen wie Aspirin, Tannin und Sacharin hergestellt. Die Werkstätten bauten Behelfsmöbel.
Laut Kontrollratsgesetz Nr. 9 wurde das Eigentum der I.G. Farbenindustrie beschlagnahmt. Der Fortbestand des Werks war gefährdet, da gemäß der Beschlüsse des Potsdamer Abkommens das Werk Premnitz und das ab 1945 der Werksleitung Premnitz unterstellte Werk Döberitz von umfassenden Demontagen der Produktionsanlagen für Reparationsleistungen betroffen waren. Bis 1946 wurden folgende Anlagen demontiert: Zellwolle Vistra, Perlon, Schwefelkohlenstoff und die kriegswichtigen Döberitzer Betriebsteile für Salpetersäure, Anilin- und Nitroprodukte einschließlich der Hexogen-Sprengstoffanlage. Bereits ab Mai 1945 wurde die Novoktan-Anlage unter sowjetischer Leitung wieder in Betrieb genommen, bevor sie ab 1946 demontiert wurde.
In Premnitz konnte im September der verbliebene Teil des Kunstseidenbetriebs wieder die Produktion aufnehmen. Von der Demontage waren nur die neu entwickelten Zentrifugen-Zwirnmaschinen betroffen. Auch die Aktivkohleproduktion ging unter Beimischung einheimischer Rohstoffe, wie Torf aus Mecklenburg und Sägemehl, wieder in Betrieb. Ein Teil der Schwefelsäureanlage konnte wieder angefahren werden. Im Werk hatten im Dezember 1945 wieder 2.148 Menschen Arbeit.
Eine große Herausforderung war die Versorgung der Menschen. Das Kantinenessen war für viele Arbeitskräfte die einzige warme Mahlzeit am Tage. Innerhalb des Werks wurden Anbauflächen angelegt. Die Grünanlage vor dem Verwaltungsgebäude wurde zum Kohlfeld. Die Gemeinde erwarb brachliegende Flächen in Stechow und Paulinenaue. Schwierig mag der Transport mit dem mühevoll zusammen gebastelten Fuhrpark des Werks gewesen sein.
Der Anfang war getan - es ging wieder voran im Industriestandort.