Die Story um den am 30. Mai 1811 erfolgten Absturz in die Donau, der das Gespött der Ulmer nach sich zog, ist auch Eberhard Brack geläufig. Der im Stadtteil Söflingen aufgewachsene Chef der Ulmer Traditionsfirma Glaeser weiß um die besondere Tragik des Absturzes: "Der Schneider stand auf dem Sprung zu Weltruhm". Stattdessen brachte ihm der gescheiterte Flugversuch vor Publikum nur Schande ein, was den Mann in den persönlichen Ruin getrieben hatte. Abgezehrt starb Berblinger 1829 in einem Spital. Heute ist er rehabilitiert, Ulm feiert und inszeniert seinen Visionär, zahlreiche innovations-Preise tragen seinen Namen. Schon 1906 war das Buch "Der Schneider von Ulm" erschienen. Ingenieur und Schriftsteller Max Eyth setzte Berblinger ein literarisches Denkmal. Der Untertitel lautet: "Geschichte eines zweihundert Jahre zu früh Geborenen."
Dass alles seine Zeit haben muss, weiß Eberhard Brack, der sich viel in der Geschichte seiner 1888 gegründeten Firma umtut, und nimmer müde wird, vom großen Glück Altvorderer zu berichten, die zur rechten Zeit am rechten Ort die rechte Idee hatten. Bracks Vater gehört zu jenen. Im Jahr 1951 hatte er als einfacher Angestellter bei Glaeser angefangen. Mit zwei Partnern übernahm er 1975 das Unternehmen.
20 Jahre später stieg Eberhard Brack ein. Zuvor hatte er unter anderem in Paris, Oxford und Berlin studiert.
Mit glänzenden Augen berichtet er davon, wie wichtig für die Entwicklung der Firma in Ulm ihr Geschäftspartner in Premnitz war. Das Chemiefaserwerk "Friedrich Engels" sei der größte Geschäftspartner im Ostblock gewesen, so Brack. Man kannte und schätzte sich. Das sollte Folgen haben.
Nach der Insolvenz der späteren Märkischen Faser AG (2001) erinnerte sich der damalige Betriebsrat rund um den Vorsitzenden Bernd Kuznik an die guten alten Zeiten. Auf das Drängen und Bitten hin, der Insolvenzverwalter möge einen Investor finden, der es endlich ernst mit den Premnitzern meinen würde, habe der Verwalter den Betriebsratsmann ermuntert, doch selbst auf die Suche zu gehen, um einen solchen Investor zu finden. Kuznik und seine Mannschaft fanden Brack.
2002 wurde Glaeser zum Mutterunternehmen, heute firmiert die Fabrik in Premnitz unter dem Namen Märkische Faser GmbH. Brack meint, man habe ihn seinerzeit in der Branche für verrückt und geistesgestört erklärt. Die Südwestpresse schrieb Jahre nach der Übernahme: "Firmenchef Eberhard Brack hat für Aufsehen in der Textilindustrie gesorgt, als er die Märkische Faser in Premnitz nach einer Insolvenz übernahm und wieder zu einem kerngesunden Unternehmen mit rund 350 Mitarbeitern machte."
Heute sind es insgesamt rund 430 Angestellte am renommierten deutschen Chemiestandort. Denn die Familie Brack hat dort 2007 ein Partnerunternehmen mit etwa 80 Angestellten gegründet, die IKV - Innovative Kunststoffveredlungs GmbH. Der Investor und Firmengründer ist sich sicher, mit technischen Textilien genau zur rechten Zeit an den rechten Orten aktiv zu sein. Das in Premnitz produzierte Polyester und Polymer finde bereits Absatz in 30 Ländern dieser Welt, so Brack.
Mit einem bei IKV produzierten Granulat, das die Polyester-Fasern schwarz macht, sieht sich der Unternehmer in Sachen Qualität als Marktführer in der Welt, die für alles mögliche im täglichen Leben schwarze Polyester-Fasern benötigt. Beispielsweise stecke Premnitz praktisch in den meisten textilen Innenausstattungen eines in Europa produzierten Autos, erklärt Eberhard Brack mit ihm eigener schwäbischer Mundart, die ihn fürs berlin-brandenburgische Ohr wie einen Klinsmann klingen lässt. Brack spricht von weiteren Entwicklungen, Chancen und Schritten in die Zukunft. Er glaubt an sich, seine Mitarbeiter, an den gemeinsamen Erfolg: "Wir haben Hunger auf Zukunft!" Auf den T-Shirts der Mitarbeiter prangt: "Mit jeder Faser MF - Märkische Faser".
Nur ist es eben so, dass Premnitz und die gesamte Wirtschaftsregion Westbrandenburg, inklusive Rathenow und Brandenburg an der Havel, nur bedingt Fachkräfte vorhalten kann. Eberhard Brack sucht Menschen, die sich orts- und heimatverbunden fühlen, die beruflich etwas bewegen und die den Glauben ans Unternehmen und die Produkte mit ihm teilen wollen. "Egal, ob sie sich im ersten oder im zweiten Frühling befinden", sagt er, "Hauptsache sie sind im Frühling".
Er braucht Leute mit beruflicher Affinität zu Chemie und Farben, mehrsprachig begabte Menschen, die sich im Ein- und Verkauf auf den Weltmarkt trauen. Ingenieure, Kaufleute, Anlagenfahrer, Lehrlinge, die lernen und arbeiten oder gar ein duales Studium absolvieren wollen.
Brack, der ein - bis drei Mal wöchentlich am Standort Premnitz im Einsatz ist, dabei völlig bescheiden einen knallroten Dreier-Golf als Dienstwagen fährt, glaubt nach eigenem Bekunden auch an die Region, an den grünen und gewässerreichen Lebensraum unmittelbar vor den Toren der Kulturhochburgen Berlin und Potsdam. Und wenn Brack seine Mails in alle Welt verschickt, nennt er das, was er im Westhavelland produziert: "Premium Polyester from Premnitz" und "Premium Polymers from Premnitz". Denn er will die Stadt in der Textilbranche zum bekannten Begriff etablieren.
Bis 1990 wusste noch alle Welt in der chemischen Industrie, wo sich die Havelkommune befindet, die noch weit mehr als der Fliegerort Stölln mit der württembergischen Wissenschaftsstadt Ulm verbunden ist.