"Nebst den hohen Eltern des Bräutigams begrüßen wir mit besonderer Freude das englische Königspaar und den Kaiser von Russland. Gilt ihre Anwesenheit auch nur einem Familienfeste, so bildet doch die damit bekundete Herzlichkeit der Familienbeziehungen unter den drei Monarchen ein wertvolles Imponderabile für die Sicherheit des wechselseitigen ungestörten Fortschritts der großen Kulturnationen Europas." So schrieb es die Freiburger Zeitung am Morgen des 21. Mai 1913. Sie hatte aus der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 20. Mai zitiert. Der Satz findet sich auch auf www.bpb.de, der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung. Der Beitrag dort ist mit "Europa am Abgrund? Großmächte zwischen Krisendiplomatie und Aufrüstung" überschrieben.
Der europäische Hochadel gab sich in Berlin ein Stelldichein. Tatsächlich war es aber auch ein Familienfest. Schließlich waren die drei Monarchen Enkelsöhne der englischen Queen Victoria und demnach Cousins. Das Pikante an der Hochzeitssuppe war der Bräutigam.
Ernst August gehörte dem Geschlecht der Welfen an, das sowohl Könige von England als auch von Hannover hervor gebracht hatte. Das Königtum in England war bereits Geschichte, das in Hannover endete mit Georg V., der nach Annexion durch Preußen (1866) ins Exil nach Österreich ging, wo er sich Herzog von Cumberland nannte. Kronprinz Ernst August II. folgte dorthin. Dieser stellte später Ansprüche: "18 Jahre nach der Annektion von Hannover flammte der preußisch-welfische Konflikt wieder auf. Der ehemalige Kronprinz von Hannover und Herzog von Cumberland erhob aus seinem österreichischen Exil Erbanspruch auf das Herzogtum Braunschweig. Doch der preußische Ministerpräsident von Bismarck ließ eine Regierung der Welfen nicht zu, weil der Herzog von Cumberland und seine Nachkommen auf Hannover nicht verzichten wollten." So steht es auf der Internetseite des Welfengeschlechts auf www.welfen.de. Und als jüngstes Kind des ehemaligen Kronprinzen von Hannover und Herzogs von Cumberland hätte Prinz Ernst August III. zu Beginn kaum Aussicht auf eine Regierung gehabt. Es kam alles anders für ihn.
Seine beiden älteren Brüder starben, Christian im Jahr 1901, Georg Wilhelm am 20. Mai 1912. Letzterer kam bei einem Verkehrsunfall im brandenburgischen Nackel (heute Ostprignitz-Ruppin) ums Leben. Er war dort im Automobil gegen einen Baum gefahren.
Der Kaiser beorderte umgehend zwei seiner Söhne dorthin. Sie sollten sich um alles Nötige vor Ort kümmern und das Ehrengeleit organisieren, dem auch Zieten-Husaren aus Rathenow angehört haben sollen. Die Eltern des Unfallopfers entsandten einige Tage danach Ernst August nach Potsdam, der sich im Namen der Familie bedanken sollte. Seit mehr als 50 Jahren hatte kein Welfe mehr in hoheitlichem Auftrag preußischen Boden betreten.
Im Neuen Palais kam es nun zur Begegnung, die alles ändern sollte. Ernst August traf Viktoria Luise. Das Ganze wurde zur waschechten Liebesgeschichte mit einem Happy End, das in einem Umzug nach Rathenow und in der Aussöhnung zwischen Hohenzollern und Welfen mündete.
Der zunächst widerstrebende Kaiser gab schließlich nach Monaten heimlicher Liebeskorrespondenz dem Paar seinen väterlichen Segen. Nach der für den 24. Mai angesetzten Hochzeit sollte es an Ernst Augusts neuen Einsatzort gehen. Darüber schrieb die Freiburger Zeitung am 21. Mai 1913 folgendes:
"In Rathenow, der am rechten Ufer des Havelflusses gelegenenen Stadt, rüstet sich Alt und Jung in freudiger Erwartung zum Empfang der einzigen Tochter des deutschen Kaiserpaares. In der Stille der märkischen Wälder, im Jagdschloss Hubertusstock, werden der Prinz und die Prinzessin Ernst August, Herzog und Herzogin zu Braunschweig und Lüneburg, die ersten Tage ihres jungen ehelichen Glücks verbringen. Und dann werden sie einziehen in Rathenow, wo Prinz Ernst August als Oberleutnant bei dem Husaren-Regiment von Zieten (brandenburgischen) Regiment Nr. 8 seit seiner Verlobung steht. Prinz Ernst August gehörte vorher dem ersten bayerischen Schweren Reiter-Regiment in München an. Dass der Kaiser seinem künftigen Schwiegersohn bei dessen Übertritt in die Dienste Preußens gerade das tapfere, auf unzähligen Schlachtfeldern bewährte Regiment der Zieten-Husaren auswählte, geschah nicht nur, weil das betriebsame Rathenow, das mit ungefähr 25000 Einwohnern eine der blühendsten Städte Brandenburgs ist, von Berlin aus in weniger als einer Stunde erreicht werden kann, die räumliche Trennung der kaiserlichen Eltern von ihrer Tochter also nicht groß sein wird, sondern auch deshalb, weil die Zieten-Husaren durch eine lange Tradition mit dem Welfenhaus verbunden sind. Zwei Vorfahren des Prinzen Ernst August waren Regimentschefs der Zieten-Husaren, die Könige Ernst August und Georg V. von Hannover, der Urgroßvater und der Großvater des Bräutigams der Prinzessin Viktoria Luise. So knüpfen auch hier Vergangenheit und Gegenwart aufs neue die Bande, die eine Weile gelöst waren."
Sodann lasen die Freiburger im fernen Breisgau (Baden) über die Havelkommune lobende Worte: "Rathenow ist eine freundliche Stadt, mit sauberen Straßen und Plätzen und mit Fabriken, Wassermühlen und Ziegelbrennereien, Maschinenbauwerkstätten und gärtnerischen und forstlichen Anstalten. Ohne die Zieten-Husaren kann man sich heutzutage Rathenow kaum mehr recht denken."
Über die Geschichte der Husaren wusste der Autor mit dem Kürzel nge zu berichten: "Erst 1851 wurde Rathenow die ständige Garnison des inzwischen brandenburgische Husaren Nr. 8 benannten Regiments. Am 3. November 1871 bekamen sie den Namen des Generals von Zieten, der von 1741 an ihr Chef war, bis er 1786 seinem großen König in den Tod voranging. Das Regiment hat sich stets den Ruf einer Pflegestätte echten preußischen Reitergeistes bewahrt und war unter dem General von Rosenberg, dessen Bronzedenkmal auf dem Zieten-Platze in Rathenow steht, geradezu ein Vorbild für die übrige preußische Kavallerie. Unmittelbar neben dem schlichten Bau des Offizierskasinos der Zieten-Husaren erhebt sich die stattliche, einstöckige Villa des Fabrikbesitzers Robert Eggert, die das Heim des Prinzen Ernst August und der Prinzessin Viktoria Luise werden wird. Die Villa, zu der ein Garten gehört, enthält ungefähr zwölf Zimmer und ist auf das wohnlichste neueingerichtet und ausgestattet worden. Das gesamte Offizierskorps der Zieten-Husaren, mit dem Obersten von Baumbach an seiner Spitze, wird am 24. Mai bei der Hochzeit der Prinzessin Viktoria Luise anwesend sein."
Rathenow war also wie geschaffen für ein glückliches Prinzenpaar. Doch nun "sprengte diese Eheverbindung alle politischen Schwierigkeiten und Prinz Ernst August erbte 1913 mit seiner Frau den Thron in Braunschweig", so steht es auf www.welfen.de. Kaum in der freundlichen Stadt an der Havel angekommen, zog das Paar im September wieder aus und nach Braunschweig um.
Die guten Zeiten änderten sich kaum ein Jahr später schlagartig nach dem Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, am 28. Juni 1914 in Sarajevo. Der Balkan war zum Pulverfass geworden. Deutschland war mit Österreich-Ungarn verbündet. Am 1. August 1914 erklärte das Kaiserreich Wilhelms II. dem Zarenreich des Cousins Nikolaus II. den Krieg, am 4. August erklärte der englische Cousin, König George V., seinem deutschen Vetter den Krieg. Dazwischen, am 3. August, hatte Deutschland der Französischen Republik den Krieg erklärt. Es dauerte rund 50 Monate, bis die Waffen endlich wieder schwiegen.
Die Revolution des Jahres 1918 in Deutschland hatte auch Ernst August III. und Viktoria Luise zu Braunschweig und Lüneburg zur Abdankung gezwungen. Ihr schönes Heim in Rathenow wurde noch lange danach Prinzenvilla genannt. Diese fiel Granaten des Zweiten Weltkriegs zum Opfer und ist restlos verschwunden.
Das in der Freiburger Zeitung erwähnte Kasino ist erst seit 2008 eine Brandruine. Indessen ist aber der hölzerne Bau am Hauptbahnhof, an dem 1913 das Prinzenpaar per Zug die Stadt erreichte, der Nachwelt erhalten geblieben. Die gesonderte Empfangshalle wird heute Kaiserbahnhof genannt.
Zudem erinnert ein vermutlich aus damaliger Zeit stammender Gartenpavillon auf dem Wohngrundstück an die unbeschwerten Monate, in denen Prinz und Prinzessin das junge Eheglück unter dem Himmel Rathenows lustwandelnd genossen. Ihr erstes Kind zeugten sie wahrscheinlich im Juni. Denn Ernst August IV. kam am 18. März 1914 zur Welt.
Aus der Ehe gingen vier weitere Kinder hervor. Zu den Enkeln gehören die spanische Königin Sofia, der im britischen Exil lebende frühere griechische König Konstantin II. und Ernst August V. Prinz von Hannover. Dieser ist nun Oberhaupt des ehemals königlichenHauses Hannover und des ehemals herzoglichen Hauses von Braunschweig. Die Großmutter starb 1980. Auf wikipedia.de heißt es: "Ihr Leichnam wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung vor dem Welfenmausoleum im Berggarten in Hannover-Herrenhausen an der Seite ihres 1953 verstorbenen Mannes beigesetzt." In Berlin erinnert der reizvolle Viktoria-Luise-Platz im Stadtbezirk Schöneberg an die zu Lebzeiten populäre Frau, die der Nachwelt mehrere Bücher über sich und ihr Leben hinterließ.
In Rathenow hat Immobilienmakler Mattias Brunn vor einiger Zeit eine Bronzetafel im Keller der Berliner Straße 21 entdeckt, die einzig an die Zeit des Prinzenpaars in Rathenow erinnert. Bis kurz vor Kriegsende 1945 soll die Tafel im Garten an einer Mauer neben dem Pavillon gehangen haben. War doch die Berliner Straße 21, der heutige MB-Firmensitz, das Nachbarobjekt der Prinzenvilla. Der Garten gehörte eigentlich nicht zur Villa, war von den Nachbarn lediglich zur Verfügung gestellt worden. Die Bronzetafel schmückt nun eine Wand im MB-Büro.