Der Fluss ist die Lebensader des Havellands. Doch im Mittelalter gab es noch eine Hauptschlagader, die Heerstraße. Sie führte durch das damals noch weit wasserreichere Havelland.
Der ursprüngliche Fernhandelsweg verlief aus dem fernen Westen kommend über Magdeburg, Plaue und die Brandenburger Dominsel nach Spandau und noch viel weiter in Richtung Osten. Die Burgen in Plaue, Brandenburg und Spandau sicherten die Havelübergänge. Wohl ab dem 13. Jahrhundert gab es eine bevorzugte Alternativroute zwischen Brandenburg und Magdeburg, die Plaue und die großen nahen Seen südlich umging. Wo die Heerstraße durch das Havelland verlief, kann heute nur vermutet werden.
Die Dom- bzw. Burginsel war zuzusagen ein Tor in die nördlich gelegenen Landstriche, in denen viele Jahrhunderte lang der slawische Stamm der Heveller siedelte. Hätte es zu Zeiten der Grundsteinlegung für den Dom, also vor genau 850 Jahren (1165) schon Satellitenaufnahmen via Google-Maps gegeben, würde man im Havelland bis auf das Blau des Wassers und das Grün der Wiesen und Wälder wohl nicht viel sehen. Nachweislich gab es aber schon zu dieser Zeit einige Siedlungen, die weit älter sein müssen als ihre urkundlichen Ersterwähnungen. Denn vier Jahre vor Baustart des Doms (1161) hatte Bischof Wilmar das mit dem Bau betraute Domkapitel Brandenburg gegründet. In der dazu gehörigen Urkunde tauchen unter anderem die Dörfer Buckow, Garlitz und Mützlitz auf. Ferner auch die Orte Mötzow und Tremmen.
Letzterer wurde später ein Wallfahrtsort, der an der Heerstraße lag bzw. noch heute liegt. Denn so heißt ein kurzes Stück der Straße, die von Osten, also aus Spandau kommend, auf die Kirche aus dem 15. Jahrhundert mit ihren markanten zwei Türmen zuhält.
Die Hauptstraße biegt heute zwar nach Norden in Richtung Gohlitz ab, das 1173 erstmals als Goliz erwähnt wurde. Doch auf der Heerstraße muss es früher unmittelbar an der Kirche vorbei nach Westen weiter gegangen sein. Heute verläuft dort die Schulstraße bis zum Ortsausgang. Das Satellitenbild von Google-Maps offenbart, wie es in einem sich sanft nach Süden ziehenden Bogen auf einem Feldweg zur Brandenburger Allee geht, die der Landstraße (L) 91 entspricht und nach Päwesin (slawisch Posyn) führt. Das Dorf wurde 1197 erstmals urkundlich erwähnt. Dort gabelt sich der Weg. Die einen meinen nun, die Heerstraße führe rechts vom Beetzsee auf kürzestem Weg durch Weseram und Klein Kreutz nach Brandenburg an der Havel. Doch ist es durchaus denkbar, dass die Heerstraße in alten slawischen Zeiten auch auf anderem Wege zur Brandenburg in der Havel führte. Zurück nach Päwesin!
Dort, wo heute buddhistische Nonnen frische Backwaren verkaufen, zweigt von der L91 eine andere Landstraße ab. Sie überquert den sogenannten "Strang", eine schmale Verbindung zwischen Oberen Beetzsee und dem Riewendsee, um über Bagow, Bollmannsruh, Gortz und Butzow den Beetzsee an seinen westlichen Ufern zu umrunden.
Während die Ersterwähnungen von Bagow und Gortz erst im 14. Jahrhundert erfolgten, ist Butzow bereits 1207 als Buzow genannt worden. Kurz hinter dem Dorf kommt eine andere Weggabelung in Sicht. In gerader Richtung setzt sich der Weg zur Dominsel Brandenburg fort, wobei er erst eine sehr enge Stelle des Beetzsees überquert und nach rund 450 Metern Mötzow erreicht, eines jener Dörfer aus der Urkunde von 1161. Damals Mukzowe genannt, ist Mötzow heute Ziel für jährlich tausende Tagestouristen. Kürzlich hat auf dem dortigen, seit 1207 belegten Domstiftsgut, die Spargelsaison begonnen.
Dort, wo sich die beiden Wege wieder treffen, die sich in Päwesin gabelten, gab es früher ein slawisches Dorf: Krakau. Der Name wird durch die Alte Krakauer Landstraße und die Krakauer Vorstadt in Brandenburg an der Havel überliefert.
Es hat also den Anschein, dass Reisende auch in Krakau die Wahl hatten, ob sie auf kürzestem Wege oder westlich des Beetzsees nach Tremmen und Spandau gelangen wollten. Womöglich gab es in diesem Bereich zwei Heerstraßen.
Auf dem westlichen Weg gelangt man übrigens zu einem weiteren Burgstandort. Im Beetzsee-Dorf Bagow nach Norden abbiegend, erreicht man nach rund 4 Kilometern das eher versteckt liegende Riewend. Es befindet sich am linken Ufer des Riewendsees. Dort wird es zunehmend einsamer. Auf der weiterführenden, aus Ziegelsteinen gepflasterten Landstraße nach Klein Behnitz glaubt man fast, die Zeit sei dort stehen geblieben. Die Straße stellt ein brandenburgisches Baudenkmal dar. Indes ist Riewend den märkischen Geschichtsforschern sehr geläufig und deshalb ein Begriff. Denn am Nordufer des Sees stand eine slawische Burg. "Riewend darf als Mittelpunkt einer der acht überlieferten Civitates (Burgbezirke) der im Havelland ansässigen Heveller gelten, im engeren Umkreis sind 21 slawische Siedlungen aus dem 8. bis 12. Jahrhundert bekannt." So heißt es auf www.bldam.de, den Internetseiten des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und des Archäologischen Landesmuseums.
Vermutlich führte von dort auch ein Weg ins nur drei Kilometer entfernte Gohlitz, der Reisende zum Anschluss an die Heerstraße in Tremmen führte.
Wer aus Berlin-Spandau auf dem Tourenrad die BUGA-Stadt Brandenburg erreichen will, hat die Wahl. Man kann auch durch Tremmen, Päwesin, Bagow, Gortz, Butzow und Mötzow radeln. Die eher ruhige Landstraße am linken Beetzseeufer punktet mehrfach. Was in Sachsen-Anhalt die Straße der Romanik ist, könnte im Havelland ein Slawischer Weg sein. Zwar gibt es bis auf ihre überlieferten früheren Namen kaum Hinweise auf slawische Wurzeln der Orte, dafür aber viel Wasser und Obst. Laut www.mundraub.org wachsen beispielsweise Pflaumen am Wegesrand zwischen Bagow und Gortz, eine Kirschbaumallee befindet sich zwischen Gortz und Butzow und eine Birnenallee vor Mötzow. Kirschbäume stehen auch an der Pflasterstraße zwischen Riewend und Klein Behnitz. Auf diesem denkmalgeschützten Weg kann man auch zum BUGA-Referenzstandort in Groß Behnitz gelangen, zum Landgut A. Borsig, wo am 13. Juni um 16.00 Uhr die von Kulturfreunden mit Spannung erwartete Uraufführung der Havel-Sinfonie erfolgt.
Die Veranstaltung ist Teil der Havelländischen Musikfestspiele, die 2015 auch an den Beetzsee einladen werden. Kein Zufall! Denn Festspielinitiator Frank Wasser, der 2015 den brandenburgischen Tourismuspreis gewann, wohnt in Päwesin, wo es am 11. Juli ein Hofkonzert geben wird. Jazz erklingt bereits am 24. Mai im Hotel Bollmannsruh, zu einem Swing-Open-Air wird am 27. Juni in Mötzow eingeladen, und ein Weihnachtskonzert gibt es am 5. Dezember in der Bagower Kirche.