Wie ganz Deutschland leidet auch Rathenow unter verordnetem Kulturverlust. Doch befinden sich in der havelländischen Kreisstadt einige stille Kulturbeiträge im öffentlichen Raum. Wer etwa auf der in Richtung Berlin führenden West-Ost-Achse bildende Kunst neu entdecken will, kann das beim Spazierengehen sogar mit Shopping verbinden. Die Kulturachse verläuft auf der Berliner Straße mitten durch die City.

Skulpturen auf den Verkehrsinseln der Berliner Straße

Dass diese Magistrale vor wenigen Jahren noch Großbaustelle war, ist ihr nicht mehr anzusehen. Von 2011 bis 2014 wurde die Berliner Straße komplett umgestaltet. An drei Kreuzungspunkten erhielt sie Verkehrskreisel.  Der erste erinnert durch die Skulptur „Lichtbogen“ an die 1801 in Rathenow begründete optische Industrie, der zweite an die Ziegelindustrie. Der „Abtragejunge“ aus Bronze, auch „Ziegeljunge“ genannt, ist ein Werk des Rathenower Bildhauers Karl Mertens (1903-1988). Seine Tochter Anette gründete mit anderen 2007 den Karl-Mertens-Kunstverein, dessen „Stadtgalerie“ genannte Heimstätte sich in der Berliner Straße 1 befindet.

Wichtigste Straße in Rathenow eine Achse der wichtigsten Branchen

Mertens’ Junge schleppt Ziegel, wie sie in und um Rathenow einst in riesigen Mengen produziert und auf der Havel verschifft wurden. Ihre berühmt rostig rote Farbe rührt vom achtprozentigen Eisengehalt des hier abgebauten Tons her. Beim Brennen der Steine entstand Eisenoxid, das für die Farbe sorgte. Fontane nannte die Steine einst „rote Rathenower“.
Zwei traditionelle Wirtschaftszweige sind also in der Berliner Straße symbolisiert. Der dritte Kreisel ist noch frei. „Wenn man den Gedanken weiter verfolgt und sich auf dem nächsten Kreisel an der Goethestraße eine Landmaschine (oder ein entsprechendes Kunstwerk) vorstellt, ein Stück weiter war der Landmaschinenbau von Richter, dann hätte man auf der wichtigsten Rathenower Straße eine Achse der historischen Branchen, die die Bedeutung der Stadt als Industriestandort ausgemacht haben“, meint  Werner Coch, ein industriegeschichtlich sehr interessierter Westhavelländer.
Der „Abtragejunge“ stammt aus dem Jahr 1984. Im Jahr 2012 wurde er auf den zweiten Kreisel platziert. Bis dahin stand er  auf dem August-Bebel-Platz, wo ab 2007 einer der größten Rathenower Kulturbeiträge unter freiem Himmel entstand.