Da Bürgermeister Ronald Seeger (CDU) zum 31. Mai 2022 seinen vorzeitigen Abschied nimmt, stehen am 6. März 2022 Wahlen an. Die auf www.rathenow.de angezeigte Liste der Stadtoberhäupter wird sodann um einen Namen länger. Bis auf zwei Ausnahmen stehen bislang nur Männer in dieser Liste. 1953 trat Ilse Kabelitz (1912-2005) ihre vierjährige Amtszeit an. Auf diese Frau folgte Ida Dorn, die bis 1970 die Verwaltungschefin war.

Karin Dietze (geborene Dorn): Leibliche Tochter wohnt in Rathenow

Biografisches zu beiden Frauen ist rar. BRAWO wandte sich an Die Linke in Rathenow, um eventuell ein paar Fakten von dort zu erlangen. Dort konnte man allerdings nur mit dem Kontakt zu einer Zeitzeugin dienen. Immerhin handelt es sich bei Karin Dietze (geborene Dorn) um die Tochter der zweiten Bürgermeisterin.

Geburtstag von Ida Dorn jährt sich zum 100. Mal

Wie die Tochter schildert, kam Ida Dorn (geborene Baumann) am 6. Dezember 1921 zur Welt. Also jährt sich demnächst ihr Geburtstag zum 100. Mal. Der Geburtsort war Roßbach im böhmischen Vogtland (damals Teil des Sudetenlandes). Roßbach war ein regionales Zentrum der Textilindustrie. Ida Dorn ließ sich dort zur Vorhangnäherin ausbilden. Gardinen bildeten zunächst ihre berufliche Welt. 1946 folgte die Vertreibung bzw. Umsiedlung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei. Eltern und Tochter fanden sich auf der Magazininsel in Rathenow wieder.
Die Mutter wurde Hausmeisterin in der Bunsenstraße in Premnitz und erhielt dort Wohnraum. Ida Baumann lernte dort ihren späteren Ehemann Erich Dorn kennen. Er stammte auch aus Roßbach. Beider erstes Kind, Karin, erblickte 1947 in der Bunsenstraße das Licht der Welt. Jahre später wurden dem Paar die Kinder Renate und Wolfgang geboren.

Zwei Jahre lang Bürgermeisterin in Premnitz

Karin Dietzes Eltern waren schon vor ihrer Ehe der 1946 gebildeten Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) beigetreten und politisch sehr aktiv. Ida Dorn war von 1950 bis 1951 sogar Bürgermeisterin in Premnitz. Erich Dorn, ein gelernter Bürokaufmann, wurde im Juni 1953 zum Wirtschaftssekretär in Gransee ernannt. Ein Umzug der Familie wurde notwendig. Ferner brauchte Ida Dorn dort einen Arbeitsplatz. Sie wurde als „Sekretär“ im Rat des Kreises in der Verwaltung tätig. Eine weibliche Bezeichnung der Tätigkeit war nicht gebräuchlich.

Im Parteiauftrag nach Rathenow

1957 übersiedelte die Familie im Parteiauftrag nach Rathenow. Ida Dorn sollte zur Nachfolgerin von Bürgermeisterin Ilse Kabelitz werden. Die Wahl bzw. Bestätigung im Amt erfolgte durch die Stadtverordneten. Nun musste auch für den Ehemann ein neuer Arbeitsplatz gefunden werden. Erich Dorn (1925-2016) wurde für die nächsten 30 Jahre der Parteisekretär im Premnitzer Chemiefaserwerk.

Gestorben im Jahr 2004

1970 wechselte Ida Dorn wieder in eine reine SED-Funktion. Sie wurde Erste Stellvertreterin des Parteisekretärs im VEB Rathenower Optische Werke (ROW). Im Anschluss und bis zum Renteneintritt (1981) war sie als Sekretär für Frauenpolitik im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) tätig. Freilich stellte die politische Wende im Land auch für Ida Dorn eine Zäsur dar, die ihr aber nicht den Frohsinn raubte. Sie starb am 30. August 2004.

Tochter Karin trat 1968 in die SED ein

Wie Karin Dietze meint, hätte sie von ihrer Mutter den Optimismus geerbt. Ganz sicher auch die politische Grundeinstellung. Die Tochter trat 1968 der SED bei. Wäre sie 1991 durch den neuen Arbeitgeber nicht dazu gedrängt worden, aus der Partei auszutreten, würde sie heute wie die Rathenowerin Diana Golze der Partei Die Linke angehören. Golze hat jüngst verkündet, im März 2022 für das Amt der Bürgermeisterin kandidieren zu wollen.

Seit 2019 Stellvertreterin des Stadtverordnetenvorsitzenden

Politisches Erbe der Eltern trat Karin Dietze zunächst als sachkundige Einwohnerin im Kreistag Havelland an. Seit 2004 sitzt sie für Die Linke in der Stadtverordnetenversammlung in Rathenow, leitete zwischenzeitig den SVV-Ausschuss für Bildung, Kultur, Jugend, Sport und Soziales. Nach den Kommunalwahlen im Jahr 2019 wurde sie neben Heinz-Walter Knackmuß (SPD) zur 1. Stellvertreterin des Stadtverordnetenvorsitzenden  Corrado Gursch (CDU), der erklärter Maßen auch für das Amt des Rathenower Bürgermeisters kandidieren will.