Auf einer Zentrifugenbühne im damaligen Gebäude 405 war es an der Zentrifuge 1 zu einer schweren Explosion gekommen, die zwölf Arbeiter in den Tod riss und erhebliche Schäden am Bauwerk verursachte. Man brauchte Tage, um die Leichenteile zu bergen. Eine exakte Identifizierung war nicht möglich. Das schwere Unglück löste im Berliner Reichstag stürmische Debatten aus. Das war am Dienstag Gegenstand eines Vortragabends mit dem Berliner Tony Heidenreich.
Zu Beginn stellte der Historiker anschaulich die komplizierte politische Situation Ende 1932 dar. In der Endphase der Weimarer Republik regierten so genannte Präsidialkabinette mit Hilfe des Notverordnungsrechts des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Sowohl die Parteien des rechten als auch des linken Lagers waren bestrebt, ihre Macht zu stärken. Im Jahre 1932 fanden zunächst am 31. Juli und abermals am 6. November Reichstagswahlen statt. Am 3. Dezember war das Präsidialkabinett unter Kanzler Kurt von Schleicher installiert worden. Nächster Kanzler wurde übrigens Ende Januar 1933 Adolf Hitler.
Am zweiten Sitzungstag des nach der Novemberwahl konstituierten Reichstags erreichte die Abgeordneten die Schreckensnachricht aus Premnitz. Die Abgeordneten erhoben sich zu einer Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer. Es ist sicher nicht ungewöhnlich, dass versucht wurde, diese Katastrophe parteipolitisch auszunutzen. Durch die KPD-Fraktion wurden imperialistische Ausbeuter- und Antreibermethoden im Premnitzer Werk angeprangert und folgender Antrag gestellt: "Der Reichstag wolle beschließen: die Reichsregierung zu ersuchen, anlässlich der Explosionskatastrophe im I.G. Farbenwerk Premnitz folgende Maßnahmen sofort durchzuführen:
1. Schließung des Werks bis zum Abschluss der Untersuchung durch eine Untersuchungskommission;
2. strenge Untersuchung unter Mitwirkung der von der Belegschaft gewählten Vertrauens-leute zur Feststellung der Schuldfrage;
3. Weiterzahlung des Lohnes und Gehalts an die Belegschaft mindestens bis zum Abschluss der Untersuchung;
4. Zahlung einer lebenslänglichen Rente in Höhe von monatlich 200 RM für jede Witwe und Dauerinvaliden und je 50 RM monatlich für jeden Unterhaltspflichtigen;
5. Übernahme der Beerdigungs- und Behandlungskosten für alle Opfer;
6. strengste Bestrafung aller Schuldigen an dieser Katastrophe, insbesondere der Direktoren und leitenden Angestellten."
Unter "Nr. 158 der Drucksachen" wurde dieser Antrag in der dritten Reichstagssitzung am 9. Dezember 1932 behandelt. Wortführer der KPD-Fraktion war der Abgeordnete Max Herm (in den 1950er Jahren Oberbürgermeister der Stadt Brandenburg). Von mehreren Zwischenrufen aus den eigenen Reihen, der SPD- und NSDAP-Fraktion unterbrochen begründete Herm den KPD-Antrag und nutzte die Gelegenheit, gegen kapitalistische Antreibermethoden ins Feld zu ziehen.
Der SPD-Abgeordnete Friedrich Ebert junior (bis 1933 auch Stadtverordnetenvorsteher in Stadt Brandenburg/Havel und später Oberbürgermeister in Ostberlin) wies im Zusammenhang mit dem Explosionsunfall auf die Lage der Lehrlinge hin. Angeblich sollten Lehrlinge mit Sauerstoffflaschen gearbeitet haben, von denen eine detonierte. Im Ergebnis der Debatte, zu Wort kam auch der Abgeordnete Wagner von der NSDAP, wurde über den Antrag abgestimmt. Punkt 1 wurde ausgeklammert, eine Schließung des Werks wurde nicht als berechtigt angesehen. Die Punkte 2 bis 6 wurden mehrheitlich beschlossen. Die tatsächliche Realisierung, vor allem der Punkte 3 und 4, wäre sicher interessant und Gegenstand weiterer Recherchen.
Von großer Bedeutung war unabhängig vom politischen Hickhack im Reichstag die sachliche Aufklärung der Explosionsursache. Zunächst wurde durch die I.G. Farben verbreitet, dass das Unglück durch die Explosion von Gasflaschen verursacht wurde, die für Schweißarbeiten benötigt wurden. Die Gasflaschen wären durch Lehrlinge unsachgemäß behandelt worden. Eine gewagte Hypothese, zumal alle Beteiligten zu Tode kamen und dazu keine Stellung mehr nehmen konnten.
Weiterhin kam es zu einer gewagten Verschwörungstheorie: Durch "verbrecherische bzw. spartakistische Elemente" könnte Sprengstoff in einer ungenutzten Zentrifuge deponiert worden sein, um ihn später bei Anschlägen einzusetzen. Ferner wurde vermutet, dass sich im Bereich der Zentrifuge noch Reste von Schießbaumwolle befunden haben, die durch Funken entzündet und eine Sauerstoffflasche gesprengt haben.
Alles unbewiesen gebliebene Theorien. Die Ursache der Explosion konnte nicht aufgeklärt werden, Schuldige wurden nie ermittelt.