Die Schulglocke, die schon vor 75 Jahren in die Klassenräume schickte, hängt immer noch - im Hof der Rathenower Geschwister-Scholl-Schule. Nur damals hieß diese „Neue Schule“, die in ein ehemaliges Wehrmachtsgebäude eingezogen war. Etwa 1800 Kinder versammelten sich damals im Hof und warteten geduldig, bis sie in 33 Klassen eingestuft wurden. Nur in mehreren Schichten konnte lange Zeit ab jenem 1. Oktober 1945 ein Unterricht überhaupt stattfinden.
Daran erinnerten sich am 1. Oktober 2020 drei von jenen, die vor 75 Jahren ihre zweite Klasse wiederholten. Das mussten sie, weil der Krieg ab Herbst 1944 keinen Schulbetrieb mehr zugelassen hatte. Jetzt standen sie als Gäste nicht mehr im Schulhof, sondern ein Stück weiter auf einem gepflegten und bunt ausgeschmückten Sportgelände.  Mit etwa 200 Schülern, den Lehrkräften, zwei einstigen Schulleitern und dem Vertreter des Bürgermeisters.

Ein Dreiviertel-Jahrhundert seit 1945

Herzlich begrüßt wurden die Anwesenden durch Cornelia Topp, der jetzigen Schulleiterin, die sich sichtlich darüber freute, trotz Corona das Jubiläum im Freien noch festlich begehen zu können. Sie zog Bilanz eines Dreiviertel-Jahrhunderts, die sich sehen lassen konnte. Eine Festschrift zu diesem besonderen Tag tat das auch.
Bevor die „Schollis“, wie die heutigen Schüler gern genannt werden,  Tänze und andere Darbietungen vorführten, übergaben die drei, die in diesem roten Backsteingebäude bis 1952 lernten, einen roten Band, der ein Stück der Ur-Schulgeschichte erzählt. 68 Kopien von Aufsätzen, Protokollen, Zeichnungen, Klassenfotos, Ausflügen, von Lob und Tadel, Prüfungsaufgaben und persönlichen Erinnerungen.

Erstes Diktat am 14. Oktober

Beispielsweise wurde das erste Diktat in der damaligen 2. Klasse am 14. Oktober 1945 geschrieben. 37 waren es dann insgesamt übers Schuljahr. Zu einem ersten Elternbesuchstag stellten sich im Juli des Jahres 1946 sage und schreibe 448 Mütter und Väter ein.
Am Schulwandertag hatten sich etwa 1.500 Kinder versammelt, um gemeinsam nach Göttlin zu wandern. „Von der Berghöhe“, so ist in einem Protokoll zu lesen, „erblickten wir das Trümmerfeld unserer lieben Heimatstadt.“ Die erste Weihnachtsfeier fand am 18. Dezember im Stadtsaal statt mit 28 Darbietungen – vom Chor „Herbei, ihr Gläubigen“ bis zum Weihnachtsspiel „Das Irmchen vom Erlenhof“. 1948 wurde aus der „Neuen Schule“ die Geschwister-Scholl-Schule. Auch die zu ihr führende Straße (bisher nach Briest benannt) erhielt den Namen der von den Nationalsozialisten hingerichteten Studenten.

Sogar Schnappschüsse von Lehrern

1952 luden die drei 8. Klassen zu ihrem Grundschulabschluss Lehrer und Schulleiter zu einem „Schülerball“ ein, bei dem sie sich für deren schwierige, aber unermüdliche Arbeit bedankten. Die humorige Abschlussrede findet sich in diesem Band genauso wieder wie manch Tadel, der aus Klassenbüchern abgeschrieben wurde. Dazu Klassenfotos (ab 1946) und einige heimlich aufgenommene Schnappschüsse von Lehrern während des Unterrichts.
Ein Dokument somit, dass gut in das Archiv der Schule passt. Eine Ausstellung an diesem Jubiläumstag beeindruckte übrigens alle. Auch die ehemaligen Schulleiter Peter Kurth und Armin Kaufmann, die sich mit bewegenden Worten an die heutigen Schüler gewandt hatten. Gern stellten sich alle Gäste noch einmal mit der Schulleiterin vor das inzwischen historische rote Gebäude. Natürlich unter die berühmte Glocke. Die hat inzwischen nur einen Makel: Sie kann nicht mehr läuten.
Doch Überlegungen sie wieder dazu zu bringen, gibt es schon. Da werde man, so Cornelia Topp, nicht bis zum 80. Geburtstag der Scholl-Schule warten müssen.