Es ist ein beliebter Brauch, zum Jahreswechsel in die Zukunft zu blicken. Was bringt das neue Jahr? Den Hang hin zu Orakeln aller Art hat die Menschheit von den Ahnen geerbt. Etwa die alten Griechen und Römer ließen sich gern weissagen.

„Waluburg, Seherin aus dem Stamm der Semnonen“

Eine der bekanntesten Orakelstätten befand sich im griechischen Delphi. Eine eher unbekannte Stätte der Weissagung muss sich auf einer Insel namens Elephantine im Nil befunden haben. Archäologen hatten dort eine Tonscherbe gefunden, auf der „Waluburg, Seherin aus dem Stamm der Semnonen“ geschrieben stand. Diese Frau muss nach Oberägypten gelangt und im zweiten Jahrhundert nach Christus dort tätig gewesen sein. Zu der Zeit war Ägypten eine Provinz des römischen Reichs.

Drei semnonische Seherinnen überliefert

Waluburg ist aber nur eine von drei überlieferten Seherinnen aus dem germanischen Stamm der Semnonen, zu dessen Siedlungsgebiet das Havelland gehörte. Die anderen beiden Frauen finden durch römische Chronisten Erwähnung. Die eine Seherin, ihr Name war Ganna, soll ihren Stammeskönig auf einem Staatsbesuch bei Kaiser Dometian in Rom begleitet haben. Die Überlieferung geht auf den Geschichtsschreiber Cassius Dio zurück, der von 163 bis 229 lebte. Er berichtet auch von einer seherischen Glanzleistung an der Elbe, wobei er aber den Namen der dortigen Seherin nicht nennt.

Dem Drusus den Tod prophezeit

Die Frau soll riesig gewesen sein und sich dem Drusus in den Weg gestellt haben. Dieser Mann war Sohn von Kaiser Augustus und bedeutender Heerführer. Im Jahr 9 vor Christus  wollte er mit seinen Truppen die Elbe überqueren. Unter anderem im Reallexikon der germanischen Altertumskunde von Johannes Hoops, Band 28, wird unter dem Stichwort „Seherinnen“ von der Begegnung berichtet, was auf die Notiz von Cassius Dio zurück geht. Demnach prophezeite die Frau, dass Drusus ein weiteres Vordringen in das Land vom Schicksal nicht bestimmt sei und er bald sterben werde. Der anscheinend auf diese Weise eingeschüchterte Heerführer machte kehrt in Richtung Rhein, den er aber wegen seines Todes niemals mehr erreichte.

Eine Orakelstätte des Stammes?

Wenn die Geschichte von immerhin drei semnonischen Seherinnen aus drei verschiedenen Jahrhunderten weiß, dürfte das eine gewisse Kontinuität andeuten. Völlig unklar bleibt, ob es auf dem Stammesgebiet eine Stätte für Seherinnen gab. Der vom Geschichtsschreiber Tacitus erwähnte Hain der Semnonen dürfte eine religiöse Kultstätte gewesen sein. Manche Historiker verorteten diesen Hain im Havelland.

Slawisches Pferdeorakel auf dem Marienberg

Erwähnenswert in dem Zusammenhang ist eine slawische Orakelstätte, die sich auf dem Marienberg in Brandenburg an der Havel befunden haben soll. Online schreibt das Stadtmuseum dazu: „Hier deuteten die Priester die Zukunft und bedienten sich dabei hauptsächlich des heiligen Rappen. Der heilige Rappe weissagte, indem er, von Priesterhand geführt, über neun Speere die auf die Erde gelegt waren, dahin trabte.“ Wenn das Pferd dabei die Speere nicht berührte, soll das als günstiges Zeichen gewertet worden sein, vor allem für Kriegszüge zu Pferde.

Von einem Volk zum anderen?

Zwischen dem germanischen Stamm der Semnonen und dem der slawischen Heveller liegen ein paar Jahrhunderte. Die einen hatte es wohl zwischen dem dritten und vierten Jahrhundert im Zuge der Völkerwanderung in südliche Richtungen gezogen. Die anderen erreichten das Havelland erst im 6./7. Jahrhundert. Dazwischen dürften noch andere germanische Stämme die Region besiedelt beziehungsweise durchwandert haben. Indes meinen Historiker, dass eine Restbevölkerung existiert haben muss, als die slawischen Einwanderer das Land für sich entdeckten. Darauf deutet etwa der Flussname Havel, der nicht slawischen, sondern germanischen Ursprungs ist. Zudem muss sich der vormalige Name des Marienbergs über die slawischen Jahrhunderte gehalten haben. Noch bis ins Mittelalter wurde er als Harlunger Berg bezeichnet. Nicht ausgeschlossen, dass die Neuankömmlinge hier eine germanische Orakelstätte übernommen haben.