Am 1. Dezember 2021 jährt sich zum 150. Mal der Tag, an dem nun auch für den regulären Personenverkehr die Bahnlinie zwischen Berlin und dem nahe Hannover gelegenen Lehrte freigegeben wurde. Nachdem bereits einen Monat zuvor der Güterverkehr auf der zweigleisigen Strecke über Rathenow offiziell gestartet war, gilt damit die für die damalige Zeit gewaltige Infrastrukturmaßnahme auch für unsere Region im Wesentlichen für abgeschlossen.

Stetig wachsender Bahnverkehr im Deutschen Reich

Von nun an nahmen auch die Optikstadt Rathenow sowie der ländliche Raum am aktiv stetig wachsenden Eisenbahnverkehr in Deutschland aktiv teil. Mit der Proklamierung des Deutschen Reiches im Januar 1871 und den Frankreich auferlegten Reparationszahlungen von 5 Milliarden Goldfranc, kam es 1871/72 zu einer kurzzeitigen, explosionsartigen Wirtschaftsentwicklung im Reich.

Brücken der Region bald an den Belastungsgrenzen

Die Folgen waren unter anderem auch ein stetig wachsender Bahnverkehr auf der neuen Eisenbahntrasse mit immer mehr und schwereren Gütern. Im Ergebnis wuchs damit auch der Bedarf an immer leistungsfähigeren und damit auch schwereren Lokomotiven. Diese wiederum brachten vielfach schnell die Eisenbahnbrücken an ihre Belastungsgrenzen.

Widerstand gegen Bahnprojekt im ländlichen Raum

Doch wie einschneidend sich der rasant entwickelnde Bahnverkehr für das Leben der Anrainer damals entfaltete, lässt sich heute nur erahnen. Die Zäsur muss jedoch beachtlich gewesen sein. Das wird besonders deutlich, wenn man in alten Unterlagen blättert und dann erfährt, wie sich besonders die Gutsbesitzer und Bauern bereits in der Planungsphase der Trasse gegen diese mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu wehren versuchten. Aus deren Sicht durchaus verständlich, verschlang doch der neue Schienenstrang nicht nur wertvolles Ackerland, sondern zerteilte fortan den angestammten Wirtschaftsraum und machte das Bewirtschaften ihrer Felder, Wiesen und Wälder wesentlich komplizierter.

Bereich zwischen Rathenow und Großwudicke besonders betroffen

Diese Tatsache wird dem Betrachter besonders bewusst, wenn man einmal rückblickend den Bereich zwischen dem Rathenower Havelübergang und dem Bahnhof Großwudicke betrachtet. In diesem Streckenabschnitt waren besonders die Menschen der Orte Steckelsdorf und Buckow, deren Gemarkungen fortan von der Trasse durchschnitten wurden, erheblich betroffen.
Im Ergebnis der zähen Verhandlungen zwischen den Bahnerbauern und den bedrängten Anrainern entstanden hier zahlreiche, zum Teil unterschiedlich ausgebaute Möglichkeiten, die zweigleisige Strecke zu überqueren. Bereits beim Erstausbau der Bahnstrecke für Reisegeschwindigkeiten von bis zu 80 km/h wurden dafür Bahnübergänge mit handbetätigten Schrankenanlagen vorgesehen.

Eine landwirtschaftliche Brücke und fünf beschrankte Bahnübergänge

So schuf die Bahnbaugesellschaft im Erstausbau im betrachteten Streckenabschnitt eine landwirtschaftliche Brücke und fünf beschrankte Bahnübergänge. Ein gewaltiger Aufwand, den die Bahn über Jahrzehnte bis in die 1960/70er Jahre aufrechterhielt. Erst dann wurde die Zahl der Übergänge reduziert bzw. wurden die verbleibenden mit automatisch arbeitenden Lichtsignalanlagen versehen. Lediglich die Kreuzung mit der Verbindungsstraße von Böhne nach Rathenow-West (heute  Landestraße L96) blieb bis in die 1990er Jahre ein beschrankter Bahnübergang in Handbetrieb.

Ende des 20. Jahrhunderts erfolgte Ausbau zur Schnellbahntrasse

Erst im Rahmen des Schnellbahnbaus in der Mitte der 1990er Jahre entstand hier ein Brückenbauwerk. Zu der Zeit wurde auch für die einstigen Bahnübergänge in der Buckower Gemarkung eine dem Anrainer- und landwirtschaftlichen Verkehr vorbehaltene Eisenbahnbrücke als einziges Ersatzbauwerk errichtet. Eine Lösung, die zu jener Zeit in der vorbereitenden Bauphase auf wenig Gegenliebe bei den Landwirten stieß, aber letztendlich als Kompromiss akzeptiert werden musste. Heute, mehr als 20 Jahre später, weist nichts mehr auf die einstige, relativ große Anzahl von Bahnquerungen im Steckelsdorfer und Buckower Gemarkungsbereich hin.