Wie ganz Deutschland leidet auch Rathenow unter verordnetem Kulturverlust. Doch befinden sich in der havelländischen Kreisstadt einige stille Kulturbeiträge im öffentlichen Raum.
Wer etwa auf der in Richtung Berlin führenden West-Ost-Achse bildende Kunst neu entdecken will, kann das beim Spazierengehen, Joggen oder Fahrradfahren sogar mit Einkauf verbinden. Die Kulturachse verläuft auf der Berliner Straße mitten durch die City.

Kulturfreund Hartmut Fellenberg

„Es reicht nicht alte Häuser umzubauen. Mit dem Kunstwerk wollen wir neue Akzente setzen.“ Ende April 2013 hatte das Hartmut Fellenberg gesagt. Er war zehn Jahre lang, bis 2018, Geschäftsführer der Kommunalen Wohnungsbaugesellschaft Rathenow (KWR). Bei Antritt des Jobs war die KWR beinahe pleite, woran heute freilich nichts mehr erinnert.

Kunst am Bau in Berliner Straße

In der Berliner Straße hat Fellenberg „Kunst am Bau“ realisiert. Diese hat Tradition in Deutschland seit der Weimarer Republik und fördert die Bildende Kunst. 2019 ist beispielsweise die überarbeitete Richtlinie für die Durchführung von „Kunst am Bau“ im Land Brandenburg in Kraft getreten.

Auftragswerk soll zum Nachdenken anregen

Ab 2012 sollte der KWR-Plattenbaublock Berliner Straße 8/9 saniert werden. „Als die Planung abgeschlossen und die Gesamtansicht auf dem Papier sichtbar war, reifte in mir die Idee, in die Umgestaltung und Sanierung des Wohnblocks ein Kunstwerk einzubeziehen“, so Fellenberg damals. „Das Kunstwerk soll zum Nachdenken anregen.“

Auftrag vergeben an Gerhard Göschel

Beim Blick nach oben am Wohn- und Geschäftshaus Nummer 9 ist seit Juli 2013 bildende Kunst von Gerhard Göschel aus der Gemeinde Milower Land zu sehen. Entlang einer 8,75 Meter langen Mittelachse winden sich nach rechts und links Spiralen aus Edelstahlbändern. Der Mann vom Kunsthof auf dem Galm (Zollchow) hat sein Werk „Aufwind“ genannt.

Fluggerät oder Drache

Auf einer Infotafel steht: „Sein Aussehen verändert sich.  Je nach Standort des Betrachters. Ein Fluggerät könnte es sein oder ein Drache aus Stahl.“ Der  „Aufwind“ trage so weit, wie die Fantasie es zulässt.  Die Worte auf Metall stammen von einem Kulturjournalisten namens Frank Kallensee.
Es ist nicht das erste Kunstwerk Göschels, welches Wohn- und Geschäftshäuser nun ziert. In mehreren Städten, wie auch in Potsdam, verwirklichte er seine typischen Kunstwerke - geometrische Installationen aus Edelstahl oder Holz. Und in Rathenow gab es sogar noch „Aufwind II“.

„Aufwind II“ 2014 befestigt

Ab Ende 2018 ließ die KWR die Berliner Straße 61-66 sanieren.  Schon 2014 war der 10,75 Meter lange „Aufwind II“ am Block Nummer 67 befestigt worden. Auch darunter befindet sich seither eine Tafel. Die ersten Sätze des Kunstvermittlers Herbert Schirmer lauten: „Einer wuchernden, nach Licht strebenden Pflanze gleich winden sich die schwingenden Formen an der Wand empor.
In jeder Phase ihrer horizontalen wie vertikalen Gestaltung scheint die ausbalancierte Konstruktion aus formal reduzierten Edelstahlbändern die rationale Zweck-Mittel-Verbindung des Hochhauses ironisch zu unterlaufen. Als Gegenpart zum kompakten  Bauwerk und seinen geometrisch gerasterten Fassaden erwecken die fragilen Strukturen nicht nur die Vorstellung von aufstrebender Bewegung und spielerischer Leichtigkeit.“