So war es ein Glücksfall, dass sich die Köln-Rottweil AG bereits 1918 damit befasste, im Premnitzer Werk eine Kunstfaser aus Zellulose zu entwickeln, die mit Eigenschaften der Naturfasern Baumwolle bzw. Wolle ausgestattet sein sollte.
Der Grund für dieses Vorhaben war vor allem das massive Problem für die deutsche Textilindustrie, während des Kriegs Baumwoll- und Wollimporte zu realisieren. 1919 begannen in Premnitz die Entwicklungsarbeiten, und eine Versuchsanlage ging in Betrieb. Schon 1920 konnte eine Anlage für die erste Zellwolle der Welt mit zwei Tonnen Tagesproduktion die Arbeit aufnehmen.
Der Anfang war getan. Auch ein Markenname war bald gefunden: "Vistra". Dieser Name war zusammengesetzt aus Silben der Telegrammadressen der Köln-Rottweil AG "Sivispacem" (abgeleitet vom Spruch "Si vis pacem, para bellum" - "Wenn du den Frieden willst, so bereite dich auf den Krieg vor") und der mit Köln-Rottweil in Verbindung stehenden Firma Dynamit AG, vormals Alfred Nobel und Co. "Astra" (abgeleitet vom Spruch "Per aspera ad astra" -"Durch die Wolken (durch Raues) zu den Sternen").
Doch von einem Siegeszug der neuen Faser konnte zunächst keine Rede sein. Die deutsche Textil-industrie stand der Zellwolle sehr misstrauisch gegenüber. Im Export in die USA, nach Italien, Holland, Belgien, Spanien, in die Tschechoslowakei und in die Schweiz bestand zunächst der wesentliche Absatz. Die Produktion in Premnitz und der Absatz blieben unter den Erwartungen. Die Belegschaftsstärke wurde von 1.524 (1923) auf 740 (September 1924) abgebaut. Im März 1926 musste die Vistra-Anlage sogar zeitweilig stillgelegt werden.
Nach der 1926 erfolgten Übernahme des Premnitzer Werks durch die I.G. Farben bestand wieder Interesse an der Zellwolleproduktion. 1928 wurde die Vistra-Vereinigung gegründet, die sich zu einem internationalen Kartell entwickelte, welches die Verbindung zur Textilindustrie im In- und Ausland festigte.
Bald wurden auch in anderen Ländern Zellwollwerke gebaut. Der Export wurde schwieriger, und eine verstärkte Orientierung auf den Inlandmarkt war nötig.
Nach 1933 wurde in Deutschland die Entwicklung der Industrieproduktion zunehmend unter dem Aspekt betrieben, Importrohstoffe durch vorhandene oder neu zu entwickelnde Produkte zu ersetzen. Zu den Entwicklungsvorgaben der wirtschaftlichen Kriegsvorbereitung zählte neben den Sektoren Sprengstoffe, Leichtmetalle, Treibstoffe, Mineralöle und Kunststoffe auch die Kunstfaserproduktion, unter anderem bezüglich der Herstellung von Uniformstoffen.
Premnitz war inzwischen längst nicht mehr der alleinige Hersteller von Zellwolle. 1939 gab es im damaligen Deutschen Reich insgesamt 19 Zellwollewerke.
Diese Jahre waren geprägt durch die Entwicklung von Vistra-Spezialtypen wie die wollähnlich gekräuselte Vistra XT-Faser, die wasserabweisende Type Vistra XT h, Vistra hochnassfest und die auch mit Wollfarbstoffen färbbare Type Vistralan. Die Verarbeitung erfolgte auch in Mischungen mit Naturfasern.
Sowohl in Kammgarn- und Streichgarnstoffen, Wirk- und Strickwaren, Vorhangstoffen und Teppichen als auch in technischen Textilien, zum Beispiel in Kunstleder, Filtertüchern, Wagenverdeckstoffen und sogar in Treibriemen, kam Vistra zum Einsatz.
1937 beteiligte sich die I.G. an der Internationalen Ausstellung in Paris auch mit Vistra.In der Klasse 1f erhielt Vistra die höchste Auszeichnung, den "GRAND PRIX".
1933 wurde eine Tagesproduktion von rund zwölf Tonnen erreicht, bis zum Jahre 1945 stieg sie auf etwa 42 Tonnen.
1945/46 wurde die Premnitzer Vistra-Anlage gemäß der alliierten Reparationspläne demontiert. Die Zellwoll-Produktion in Premnitz war Geschichte.
Die Zellulosefasern wurden in hohem Maße durch die Chemiefasern abgelöst. Gegenwärtig befinden sich die größten Produzenten für die nun unter der Bezeichnung "Viskose" bekannten Zellwolle in Indien. Europäische Unternehmen sind in Österreich und Deutschland tätig.
Sollten Sie, verehrte Leser, auf dem Etikett Ihrer Kleidung die Bezeichnung "Viskose" finden, so denken Sie daran: Die Wiege für die Zellwolle stand 1920 in Premnitz.