Hoch oben auf der Turmspitze der Wallfahrtskirche zu Buckow bei Nennhausen dreht sich ein Fisch im Wind. Nauen hat einen Karpfen im Stadtwappen. Warum das so ist, bleibt ungeklärt. Sehr wahrscheinlich aber bildeten Fischprodukte über viele Jahrhunderte eine Hauptnahrungsquelle für die Havelländer. Wer wahrlich ursprüngliche hiesige Kost verspeisen will, dürfte an Fisch nicht herum kommen - serviert mit allerlei einfachen Gemüsesorten wie Rüben, Kohl und Zwiebeln.
Märkische Heide, märkischer Sand - ja, Brandenburg ist von Mutter Natur nicht sonderlich verwöhnt worden. Wobei es auch Gegenden wie das Havelland gibt, in denen die Menschen am Wasser lebten und von dem, was Flüsse und Seen hergaben. Zahlreiche Dörfer sind slawischen Ursprungs und in unmittelbarer Wassernähe gegründet worden. Etwa Buckow bei Nennhausen lag im ursprünglich verwässerten Havelländischen Luch, Nauen an einem Fluss, der in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Hauptkanal umfunktioniert wurde.

Getrockneter Wobla ist in Russland sehr beliebt

Fischfang muss in der slawischen Kultur eine sehr wichtige Rolle gespielt haben. Etwa in Osteuropa wird Fisch noch heute in Größenordnungen getrocknet, um ihn mit Wodka oder Bier wie einen Snack zu verspeisen. Dabei kommt beispielsweise in Russland ein kleiner Fisch namens Wobla zum Einsatz, der mit der havelländischen Plötze (Rotauge) verwandt ist. Nicht ausgeschlossen, dass Wobla sogar Pate stand bei der slawischen Namensgebung für die Havel. Denn Plötzen schwimmen im Fluss zu Hauf.
Gemeinhin wird angenommen, dass sich der Name Woblitz, ein linker Nebenfluss der Oberhavel, von Voblica - slawisch für kleine Havel - herleitet. Nicht zu verwechseln mit der Wublitz im östlichen Havelland.

Heute muss es Edelfsch wie der Zander sein

Längst hat sich der havelländische Gaumen an den Edelfisch Zander gewöhnt. Mit Weißfisch wie die Plötze weiß er kaum noch etwas anzufangen. Doch gerade die älteren unter den Havelländern werden sich sicher an jene Zeiten erinnern, als gegessen wurde, was auf den Tisch kam - und seien es sauer eingelegte Bratplötzen. Einer, der das immer noch gern isst, heißt Wolfgang Schröder und ist ein inzwischen sehr bekannter Fischer aus Strodehne.
2021 hat Fischer Schröder im Bundeswettbewerb „Zu gut für die Tonne“ ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung gesetzt. Die Jury verlieh dem Fischer in vierter Generation einen Förderpreis, der mit 5.000 Euro dotiert war. Allerdings setzte Schröder im Wettbewerb auf „saure Brasse“. Vor zehn Jahren schwärmte er von sauren Plötzen.

Fischer Schröders Rezept für saure Bratplötzen

Wie Schröder Ende 2011 gegenüber BRAWO berichtete, schmeckt die saure Mahlzeit wie Brathering aus der Dose. Möglicherweise handelt es sich um eine der ältesten regionalen Rezepturen. Schröder erklärte: „Als erstes salzen, pfeffern und in Mehl wälzen und dann schön scharf anbraten.“ Schließlich in Essig einlegen. Der Sud sollte gut abgeschmeckt sein, was am besten mit Pfeffer, Salz, Zucker, Senfkörnern, Zwiebeln, Loorbeerblättern und Wacholderbeeren gelinge. Mindestens drei Tage sollten die gebratenen Plötzen in dem sauren Sud ziehen.
Wer das ausprobiert, dürfte feststellen, dass sich die Hauptgräte problemlos entfernen lässt. Was an Gräten im Fleisch verbleibt, ist im Essigsud extrem aufgeweicht worden. Wer dazu Pellkartoffeln kocht und Quark serviert, hat mit Sicherheit eine Spezialität auf dem Teller. Freilich wurden Kartoffeln erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts auch im Havelland angebaut. Davor wuchs größtenteils Weißkohl in hiesiger Erde, der zu Sauerkohl verarbeitet, in den Wintermonaten eine wichtige Vitamin-C-Quelle war.

Gab es Knieperkohl auch im Havelland?

In der Prignitz soll mangels Weißkohl nach Ende des Dreißigjährigen Krieges (1648) der Knieperkohl aufgekommen sein. Im Ursprung wurde eigentlich als Futtermittel verwendeter blauer Stangenkohl gesäuert. Später wurden weitere Kohlsorten sowie Wein- und Kirschblätter mit verkocht. Knieperkohl entwickelte sich zur regionalen Prignitzer Spezialität, die alle Jahre ab November in den Handel kommt. Sehr wahrscheinlich haben auch die kriegsgebeutelten Havelländer Stangenkohl verspeist, so lange es nichts anderes gab.
Wem die Kombination von Knieperkohl mit sauer eingelegter Plötze zu essiglastig ist, kann auch eine Gemüse-Brühe kochen, die zum Fisch serviert wird. Simples Suppengrün (plus Zwiebeln), das letztlich mit auf den Teller kommt, ist hier wohl die beste Wahl, um kulinarisch möglichst dicht an alten Zeiten dran zu sein. Da man ja damals nichts verkommen ließ, könnten abgetrennte Fischköpfe als Geschmacksträger in der Brühe dienen.
Wer auf Kartoffeln verzichten will, kann auch ein Pürree aus Erbsen zubereiten, die schon im Mittelalter zu den Grundnahrungsmitteln gehörten. Die Frage bliebe nur, wo sind Plötzen heute noch erhältlich, wenn man selbst keine fangen will oder kann? Klare Antwort: Fischer Schröder bietet sie als Frischfisch. Wer sich das Einlegen ersparen will, kann bei ihm saure Plötzen in Gläsern erwerben. Sogar Fischsud hat er im Angebot.
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