Das  Halbjahr 1962/63 zählt in Deutschland zu den strengsten Wintern des 20. Jahrhunderts. Für unsere Region wurden von Anfang Januar bis Ende März insgesamt 60 Frosttage mit Nachtfrösten von bis zu minus 20 Grad sowie 81 Schneetage mit Schneehöhen von 24 bis 32 Zentimeter registriert. In dieser, besonders auch für die Landwirtschaft schwierigen Situation, hatte sich in Böhne die gefürchtete Maul- und Klauenseuche (MKS) rasend schnell in den Ställen der Gemeinde ausgebreitet.

Menschen als Überträger des Virus

Die MKS ist eine zwischen Tier und Mensch übertragbare, hochinfektiöse Viruserkrankung bei Rindern und Schweinen. Wenn sie auch für den Menschen keine gesundheitliche Bedrohung darstellt, wirkt dieser doch oft als Überträger der tödlichen Viren. Zur Bekämpfung der Tierseuche wurden neben weiteren Maßnahmen die befallenen Tierbestände umgehend rigoros gekeult und der Ort für die nächsten Wochen hermetisch abgeriegelt.

Massive Einschränkungen durch Quarantäne

Diese verordnete und auch streng überwachte Quarantäne brachte für die Bewohner des Haveldorfs massive Einschränkungen in ihrem, durch die langanhaltende winterliche Kälte ohnehin strapazierten, Leben. Von nun an durften die Bürger nur noch in Ausnahmefällen, wie dringender Arztbesuch, die Ortsgrenzen unter Auflagen überschreiten.

Richard Klenke stellte Passierscheine aus

Dazu mussten sie sich im Vorfeld einen Passierschein bei einer eigens hierfür autorisierten Person beschaffen. Diese Aufgabe hatte man dem Böhner Chef der Feuerwehr und des örtlichen Katastrophenschutzes, Richard Klenke, übertragen. Der Schein berechtigte dann zum Passieren der beiden an der heutigen L96 geschaffenen Kontroll- und Übergangspunkte. Diese rund um die Uhr bewachten Kontrollstationen befanden sich an der Gemarkungsgrenze Steckelsdorf, nahe Hilgenfeldshof und unweit des südlichen Dorfausgangs.

Checkpoints an der Landstraße

Gegen die beißende Kälte errichteten die dort Wache stehenden Männer Hütten aus Brettern und anderen etwas Schutz bietenden Baumaterialien. Neben den Hütten loderten Tag und Nacht weit sichtbare Feuer. Das Durchfahren des Ortes ohne Zwischenhalt blieb weiterhin möglich. Dazu musste an jedem Checkpoint vorher eine auf der Straße angeordnete Seuchenwanne langsam durchfahren werden.

Kontrollpunkte als Treffpunkte

Die Kontrollpunkte entwickelten sich zudem auch zu Treffpunkten von Böhnern mit Menschen von außerhalb der Quarantänezone. Immer von den Kontrollposten streng bewacht, konnten neben Informationen auch andere dringend benötigte Dinge übergeben werden und minderten zumindest für die Betroffenen für kurze Zeit das Gefühl, eingesperrt zu sein.

Lebensmittellieferungen zum Dorfkonsum gebracht

Die Versorgung der Dorfbewohner mit den notwendigsten Lebensmitteln wie Brot, Milch etc. erfolgte gleichfalls über die Kontrollpunkte. Dazu brachten Mitarbeiter der regionalen Konsumgenossenschaft die Waren bis dorthin. Hier wurden diese auf Böhner Fahrzeuge umgeladen und zum örtlichen Konsum-Geschäft weitertransportiert.

Kaum Probleme wegen autarker Versorgung

Natürlich wurde so das ohnehin damals überschaubare Konsum-Angebot noch spärlicher. Doch für die Menschen im Ort waren die Einschränkungen lange nicht so gravierend, wie man heute vielleicht glauben möchte. Denn zu der Zeit versorgte man sich auf den Dörfern noch überwiegend autark. Das traf auf die Nahrungsmittel, wie auch auf das bei der Kälte umfangreich benötigte Brennmaterial zu.
Für die abendliche Zerstreuung sorgte, außer bei den wenigen, die bereits ein Fernsehgerät besaßen, der in der Regie von Mariechen Bertzau geführte Dorfkrug „Zum grünen Kranze“.

Staatliche Übergangsgelder für Frauen

Alle Dorfbewohner, die außerhalb des Ortes arbeiteten, so sie sich nicht im Vorfeld noch schnell eine Bleibe außerhalb gesucht hatten, mussten die Quarantänezeit über zu Hause bleiben. Während die Männer im Wachdienst eingesetzt wurden und weiter ihren Arbeitslohn bekamen, erhielten die werktätigen Frauen staatliche Übergangsgelder.

Kinder erhielten Unterricht im Dorf

Die zahlreichen schulpflichtigen Kinder aus Böhne, welche damals allesamt die Polytechnische Oberschule (POS) in Milow besuchten, konnten während der gesamten Quarantänezeit nicht am dortigen Unterricht teilnehmen. Für sie richtete man im eigenen Ort alsbald einen Ersatzschulbetrieb in den Räumen der örtlichen Lehrausbildungsstätte des Kreisbetriebs für Landtechnik ein.

Lehrerin Else Lewin reaktiviert

Als Lehrkraft reaktivierte man die seit 1958 bereits im Ruhestand und in Böhne lebende Lehrerin Else Lewin. Sie versuchte nun, auf sich alleingestellt, zumindest für die unteren Jahrgänge wieder einen halbwegs normalen Schulbetrieb, verteilt auf Vor- und Nachmittagsunterricht, aufrecht zu erhalten.

Zahl der Tierverluste unbekannt

Wie hoch die Tierverluste in Böhne durch die Maul- und Klauenseuche waren, konnte bisher noch nicht rekapituliert werden. Doch die Vermutung, dass diese auf Grund der getroffenen rigiden staatlichen Vorsichtsmaßnahmen recht hoch gewesen sein müssen, erscheint glaubwürdig.
Vergessen werden darf aber auch nicht, dass sich die Wirtschaftsleistung der DDR-Landwirtschaft so kurz nach der politisch durchgesetzten Zwangskollektivierung in einem freien Fall befand. Das war den staatlichen Stellen durchaus bewusst und deshalb taten sie alles, um einer drohenden Hungersnot der Bevölkerung zuvorzukommen.

Quarantäne bis etwa 30 Tage nach letztem Seuchenfall

Rund 30 Tage nach dem letzten registrierten Seuchenfall im Ort wurde die Quarantäne über das Haveldorf wieder aufgehoben. Die Tierbestände in anderen umliegenden Orten blieben von der MKS, letztendlich durch die strenge Böhner Quarantäne, verschont.