Vornehmlich durch optische Industrie und Ziegelproduktion ist Rathenow weithin bekannt geworden. Als an beides noch lange nicht zu denken war, ließ sich offenbar mit Wein gutes Geld verdienen.
Ein paar vor Jahren gepflanzte Rebstöcke auf Kirchbergseite des Alten Hafens belegen, dass die Pflanze auch hier gedeihen kann. Von einer Wiederbelebung des Weinbaus kann freilich keine Rede sein. Dafür bedürfte es professioneller Herangehensweise. Etwa in der Nachbarstadt Brandenburg an der Havel hat der örtliche Trinkwasserdienstleister BRAWAG in einen kleinen Weinberg investiert, der gehegt und gepflegt sein will, um Ertrag zu bringen.

Nachbarstadt Brandenburg hat wieder einen Weinberg

Die Arbeiten auf dem Marienberg, wo mittelalterlicher Weinbau belegt ist, hatten bei Null begonnen. Projektstart war 2012, im Jahr darauf erfolgten Terrassierung und Bewässerungsanlage. 2014 konnten 20 Kilogramm Wein geerntet werden, die für zwölf Flaschen reichten. Inzwischen verkauft die BRAWAG jährlich mehrere Tausend Flaschen zum Stückpreis von knapp 10 Euro.
Indiz für den Weinbau in Rathenow ist der Name eines innerstädtischen Hügels. Auf einer „Prospeckt von Rathenow“ genannten Karte von 1740, die in der Staatsbibliothek zu Berlin lagert, sind an der Stelle allerdings mehrere Weinberge zu sehen. Demnach gab es dort auch mehrere Weingärtner. Die damals gewählte Bezeichnung lautet „Die Ackerberge“.

Katastrophenwinter für Weinanbau 1740/41

„Die märkischen Weine zeichneten sich durch Leichtigkeit und eine feine Säure aus“, stand im Historischen Rathenower Kalender für das Jahr 2014, den das Kulturzentrum herausgegeben hatte. Der strenge Winter 1740/41 hätte den Weinanbau in der Stadt fast vollständig zum Erliegen gebracht.
Dieser Katastrophenwinter stellte wohl einen frostigen Höhepunkt der mittelalterlichen Kaltzeit („Kleine Eiszeit“) dar, die in Europa um 1300 eingesetzt hatte. Davor hatte es auf dem Kontinent eine Warmzeit mit ungewöhnlich hohen Temperaturen gegeben, was freilich den Weinbau begünstigt hatte - auch in der Havelregion. Wieviele Weingärtner es in Rathenow im Mittelalter gab, ist nicht überliefert. Wohl hauptursächlich bedingt durch weiter sinkende Temperaturen, die Stadtbauern setzten nun auf Ackerfrüchte, war der Anbau bereits seit Anfang des 17. Jahrhunderts rückläufig. Christoph Samuel Wagener hatte in seinen „Denkwürdigkeiten der churmärkischen Stadt Rathenow“ (erschienen 1803) davon geschrieben, dass es 1740 immerhin noch 46 Weingärtner gegeben hatte.

Familie Brösicke als letzte Weingärtner

Anfang des 19. Jahrhunderts existierten insgesamt nur noch acht Weingärten in der Stadt, die wohl der Familie Brösicke gehörten. Historiker Rudolf Guthjahr hatte sich dem Thema 1957 im Rathenower Heimatkalender gewidmet. Diesbezüglich hatte er über das Jahr 1873 notiert: „Carl Brösicke war wohl unser letzter Weingärtner. 1873 bot er seinen vier Morgen großen Weinberg vor dem Brandenburger Tor mit gut tragendem Wein und Obstbäumen zum Verkauf an. Damit hörte der Weinbau bei uns auf.“