Die Kreuzgewölbe in der Sankt-Marien-Andreas-Kirche sind im Kirchenschiff und im Chorraum im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört worden. Im Chorraum sind sie bis heute noch nicht wiederaufgebaut.
Die christliche Vorstellung verortet symbolhaft Gott-Vater, den Sohn Jesus Christus und den Heiligen Geist im Chorraum. Die drei Kreuzgewölbe im Chorraum stellten diese Trinität da, an die Christen glauben.

Heiligster Ort der Kirche

Im Mittelalter war das der heiligste Ort in der Kirche. Für die Gläubigen war er so heilig, dass er nicht von ihnen betreten werden durfte. Nur die Priester hatten Zugang zu diesem Raum, wo ja immer das Abendmahl gefeiert wurde und mit Brot und Wein dem unschuldigen Leiden und Sterben von Jesus Christus gedacht wird. Denn beim letzten Essen mit seinen Jüngern hat Jesus Christus der Tischrunde Brot und Wein gegeben und ihnen gesagt: „Das Brot ist mein Leib und der Wein ist mein Blut, dass ihr essen und trinken sollt, um euch an mich zu erinnern und in der Hoffnung auf meine Wiederkunft.“

Chorraum darf nur von Priestern betreten werden

Im Chorraum der Sankt-Marien-Andreas-Kirche ist eine überwältigende Lichtfülle durch die hohen gotischen Fenster. Ex oriente lux heißt aus dem Osten kommt das Licht, und dieses Licht ist auch ein Symbol für Jesus Christus. Die Heiligkeit des Chorraums ist in der katholischen und evangelischen Kirche im Laufe der Jahrhunderte verlorengegangen, nur in der russisch-orthodoxen und griechisch-orthodoxen Kirche ist das bis heute so. Die Gläubigen dürfen nur bis zur Ikonenwand. Dahinter befindet sich der Chorraum mit dem Altar, der nur von den Priestern betreten werden darf. Deshalb meinen die orthodoxen Christen, die anderen wären vom rechten Weg abgekommen und sie seien die einzigen Rechtgläubigen.

Bauweise mit theologischer Bedeutung

In den zwei Seitenschiffen der Kirche sind die Kreuzgewölbe wie durch ein Wunder unzerstört geblieben. Hier finden sich in der Nähe zum Chorraum ganz prächtige Kreuzgewölbe, die auf die Heiligkeit des Chorraums hinweisen. Im westlichen, also chorfernen Teil der Seitenschiffe sind sie ganz schlicht. Auch die Bauweise hatte ihre theologische Bedeutung.
Im Mittelschiff der Kirche sind die vier Kreuzgewölbe durch die einstürzende Decke am 28./29. April 1945 völlig zerstört worden. Als das Kirchenschiff 1959 mit einem Dach versehen wurde, hat man statt der Gewölbe provisorisch eine glatte Decke aus HWL-Platten (Sauerkohlplatten) eingebaut. Die Kreuzgewölbe sollten später drankommen. Es bedurfte aber 51 Jahre, um die Kreuzgewölbe im Schiff wiederherzustellen.

Dach mit Biberschwänzen im Kirchenformat

Es befand sich dazu ein Metallgerüst in der Kirche, das zwei Arbeitsebenen enthielt. Die erste Arbeitsebene war für die Gewölbebauer bestimmt und die zweite für die Dachdecker und Zimmerleute. Denn das Dach musste völlig neu eingedeckt werden mit Biberschwänzen im Kirchenformat. Außerdem musste das Gebälk vollkommen erneuert und verstärkt werden, da es morsch und durchgefault war.
In dem Metallgerüst hatte der Zimmermann noch ein Holzgerüst aufgestellt, das keine Berührung mit dem Metallaufbau hatte und für die Maurer gedacht war. Dort wo die Kreuzrippen mit Rippensteinen aufgebaut wurden, hatte der Zimmermann Bretter angebracht, die als Führungsschienen für die Mauer dienten. Dazwischen wurden die Kappen mit leichten Kappensteinen aufgemauert, aber ohne Verschalung, was eine große Kunst darstellt.

Neue Kreuzgewölbe 2010

Die prächtigen vier Kreuzgewölbe im Kirchenschiff haben noch Zierrippen ohne tragende Funktionen. Sächsische Bauarbeiter hatten 1562 die Kreuzgewölbe ursprünglich so gemauert. Und zu der Zeit waren in Sachsen die Zierrippen in Mode. In Sachsen findet man ganz viele Kreuzgewölbe mit Zierrippen, in Brandenburg eher selten. Ganz unten findet man in den Kappen kleine Löcher, die der Belüftung dienen. In den Deckenbemalungen alter Kirchen sieht man oft Engel mit einem Kussmund. Der Kussmund ist das Loch in der Decke für die Belüftung, wenn man genau hinschaut.
Die neuen Kreuzgewölbe im Kirchenschiff von 2010 sind so wunderbar von der Firma Roland Schulze wiederaufgebaut worden, dass sie alle Erwartungen übertrafen. Die Akustik ist einmalig. Die vier Kreuzgewölbe verkörpern den Menschen, der nach Hippokrates aus vier Säften besteht. Es sind damit gemeint: Blut, schwarze Galle, gelbe Galle und Schleim. Wenn man jung ist, merkt man wenig vom Schleim, aber mit zunehmendem Alter fängt die Nase an zu laufen, und das sind die ersten Zeichen für den Altersschleim.
Die Kirche ist streng von Ost nach West gebaut. Im Osten ist der Chor und im Westen der Turm. Die mittelalterliche Vorstellung war: Der Mensch betritt die Kirche aus dem dunklen Westen, wo die Sonne untergeht, geht hindurch und kommt dann zu Gott im Chor, wo die Lichtfülle und das Allerheiligste sind. Zählt man nun die drei Kreuzgewölbe im Chor und die vier Kreuzgewölbe im Schiff zusammen, kommt man auf die heilige Zahl Sieben. Und diese Sieben geht auf den Schöpfungsbericht der Bibel zurück, wonach Gott an sechs Tagen die Welt geschaffen und am siebten Tag geruht hat und den Menschen auch Ruhe gebot. In den Kreuzgewölben ist somit auch gebaute Theologie enthalten.

Haushaltsdebatte des Landes entscheidet

Wenn in Aussicht gestellte Fördermittel vom Bund und vom Land Brandenburg wirklich die Sankt-Marien-Andreas-Kirche erreichen sollten, werden die Kreuzgewölbe im Chor für eine Million Euro wiederaufgebaut. Die Haushaltsdebatte des Landtags im November 2020 wird darüber entscheiden, ob Brandenburg die notwendige Co-Finanzierung der Bundesmittel übernimmt.
Mehr Informationen zum mittelalterlichen Bauwerk auf dem Kirchberg und zu dem fortdauernden Wiederaufbau gibt es online auf www.rathenow-kirchen.de. Das ist die Website des Förderkreises zum Wiederaufbau der Sankt-Marien-Andreas-Kirche.