In der evangelischen Kirche Sankt Katharinen ist es so kalt, dass die rund hundert Besucher und die Pfarrer Monika und Hans-Rainer Harney ihre dicken Jacken während des Gedenkgottesdienstes am Sonntagabend anbehalten. Das Pfarrer-Ehepaar macht darauf aufmerksam, dass der 9. November ein geschichtsträchtiger Tag ist. 1918 wurde die erste Demokratie in Deutschland ausgerufen, 1989 fällt die Berliner Mauer. Monika Harney zitiert einen jüdischen Journalisten, der traurig darüber schreibt, dass die groß angelegten Feierlichkeiten in Berlin zum Mauerfall den dunkelsten Moment in der deutschen Geschichte scheinbar verdrängen.
Nicht aber in Schwedt. Die Pfarrer berichten in einer Zeitungsschau über die aktuellen gewalttätigen Konflikte um den Tempelberg. Sowohl die jüdische als auch die muslimische Bevölkerung erhebt Anspruch auf den heiligen Ort in Jerusalem. Und Monika Harney ruft mit einem Psalm aus der hebräischen Bibel die Erinnerung wach an das unmenschliche Verbrechen, das an der jüdischen Bevölkerung begangen wurde und in der Nacht des 9. Novembers 1938 seinen schrecklichen Höhepunkt fand: Mehrere Tage lang plünderten und zerstörten Nationalsozialisten deutschlandweit jüdische Wohnungen, 7500 Geschäfte und 1200 Gebetshäuser. Sie hetzten, verprügelten und ermordeten in dieser Zeit jüdische Mitbürger. In den darauffolgenden Tagen erlagen viele weitere ihren Verletzungen. Die Schwedter tragen schweigend Kerzen zum Mahnmal, das sich an der Stelle der Mauer der zerstörten Synagoge in der Louis-Harlan-Straße befindet.
Die Ansprache des SPD-Landtagsabgeordneten Mike Bischoff zeigt, dass auch in Schwedt die Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung immens waren. Von 135 jüdischen Schwedtern wurden während des Nationalsozialismus mindestens 60 Menschen umgebracht. "Fünf Jahre nach der Pogromnacht gab es kein jüdisches Leben mehr in unserer Stadt", erinnert Bischoff.
Gegen das Vergessen der Gräueltaten wurde das jüdische Ritualbad saniert, die Fundamente der ehemaligen Synagoge freigelegt und 24 Stolpersteine mit Namen, Geburts- und Todesjahr der jüdischen Einwohner Schwedts in der Stadt verlegt, heißt es weiter. Doch auch heute noch wird Gewalt und Diskriminierung im Namen von Rassismus und Antisemitismus begangen, erklärt Bischoff. Und appelliert an Zivilcourage.
In einer szenischen Lesung "Du, weißt du, wie der Regen weint" an den Uckermärkischen Bühnen erfahren die Zuschauer vom Schicksal der jüdischen Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger, die nur 18 Jahre alt werden durfte. Nathalie Döhring, Patricia Hübner und Tina Müller vom Mut-Klub der Bürgerbühne tragen Selmas Gedichte und Briefen vor. Darin steckt Lebensfreude. Sie macht das Ausmaß des begangenen Verbrechens noch viel erschreckender.