Weit über die Stadtmauer ragte die Synagoge früher in der Gartenstraße in die Höhe. Sie stammt aus dem Jahr 1862. "Sie wurde damals schnell hochgezogen, die Einweihung war noch im gleichen Jahr", erzählt Anke Grodon, Leiterin des Stadtmuseums. Die Synagoge war der Anlaufpunkt der jüdischen Gemeinde, rund 135 Juden lebten 1933 in Schwedt. Heute gibt es keine jüdische Gemeinde mehr in der Stadt.
In der Pogromnacht 1938 passierte auch in Schwedt Schlimmes. Die Synagoge wurde ausgeraubt, geschändet und schließlich mit einem Bulldozer eingerissen. Der einzige Grund, warum sie nicht angezündet worden ist, war, dass sich ein paar Meter weiter eine Tankstelle befand und man Angst hatte, die Flammen würden dorthin übergreifen. Die umgestürzten Steine des Gebäudes wurden später zum Bau anderer Häuser verwendet, so, wie man es damals oft gemacht hatte.
Die Synagoge stand neben dem jüdischen Ritualbad, das vor drei Jahren aufwendig saniert wurde. Sie hatte eine Grundfläche von 10x13 Metern und innen eine oben umlaufenden Empore, auf der die Frauen saßen. "Ich hatte schon immer die Idee, die Grundmauern freizulegen", sagt Anke Grodon. Eine Seitenlinie des Gebäudes war deutlich im Garten zu sehen.
Der Zentralrat der Juden wurde um seine Meinung gebeten und die Verhandlungen waren langwierig. Schließlich erklärte der Rat sich einverstanden, wünschte jedoch, dass die Stätte keinen "kultischen" Charakter bekäme. Die Erlaubnis der Unteren Denkmalschutzbehörde wurde eingeholt sowie eine Schachterlaubnis, um bei den Grabungen keine Leitungen zu treffen. Seit Dienstag arbeiten nun mit Schaufel und Hammer ein Dutzend Freiwillige des Museumsfördervereins im Garten neben dem jüdischen Ritualbad. Als Archäologe betreut sie und leitet sie an der Angermünder Eckard Walter, ebenfalls ehrenamtlich. Antje Görlitz arbeitet beim Zoll, vor ihrer Schicht ist sie für eine Stunde zum Mithelfen vorbeigekommen. "Ich bin auch neugierig auf die Grundmauern. Ich habe in eine alte Schwedter Familie eingeheiratet, wo der Großvater noch als Versicherungsvertreter viel mit der jüdischen Gemeinde zusammengearbeitet hat", erzählt sie. Mehr Freiwillige werden gesucht.
Die Idee ist, die Grundmauern nach der Freilegung ein kleines Stück aufzumauern, und vor allem die Ecken mit einer Höhe von 1,20 Meter zu betonen. So würde ein neues Besichtigungsobjekt für Interessierte und Touristen geschaffen werden. Die Obst-Bäume, Apfel, Kirsche, Birne, im Garten bleiben stehen. "Ich finde, sie sehen mit ihren Blättern wie ein Dach der Synagoge aus", sagt Anke Grodon.
Der stattliche Eingang befand sich früher zur Gartenstraße hin, dort, wo jetzt eine Hecke steht. Er war zweiflüglig. "Durch die eine Seite gingen die Frauen, durch die andere die Männer", erzählt Museumsleiterin Anke Grodon. Ihr Traum ist es, eine solche Tür wieder mitten in die Hecke als Andenken zu stellen.
Treffen: Jeden Dienstag um 10 Uhr trifft sich der Förderverein für die Städtischen Museen "Otto Borriss" auf dem Gelände des jüdischen Ritualbades. Freiwillige, die bei der Grabung mithelfen wollen, sind gern gesehen.
Computerrekonstruktion des Gebäudes: So sah die Synagoge in Schwedt vermutlich aus. Es gibt leider nur noch eine alte Luftbildaufnahme, sie hängt im Museum. Auf der linken Seite ist das jüdische Ritualbad zu sehen und das Synagogendienerhaus, auf der rechten Seite die Stadtmauer. Foto: Stadtmuseum Schwedt
Freiwillig und unentgeltlich: Eckhard Benndig und Antje Görlitz (v.l.) vom Museumsförderverein versuchen vorsichtig die Grundmauern der Synagoge freizulegen. Foto: MOZ/Oliver Voigt
Freiwillige legen alte Fundamente frei und mauern die Umrisse neu