Die Freude ist ihm anzusehen. Dirk Schneider, Chef des uckermärkischen Kataster- und Vermessungsamtes, kann sich mit Begeisterung in die Entstehungsgeschichte der Flurkarten hineinreden. Er liest fließend altdeutsche Schreibschrift, entziffert winzige Zahlen auf vergilbten Blättern, findet Grenzsteine, demonstriert die Veränderungen an Grundstücken im Laufe der Jahrzehnte. Und dennoch sucht der Chef über den größten Bestand an Kartenmaterial im gesamten Landkreis weiter nach wichtigen Originalakten. Mit Erfolg. Durch Hörensagen erfuhr er von einzelnen Akten im Landesarchiv Greifswald, fuhr hin und ging mühsam die Findbücher und Karteien durch. Mit "höchst engagierter" Hilfe einer dortigen Kollegin fanden sie verschollen geglaubte Flurbücher, einzelne Vermessungsrisse und andere Akten aus dem vorpommerschen Raum bei Gartz.
"Vieles ist zum Kriegsende verschollen", berichtet Dirk Schneider. Gerade hier an der Grenze zu Polen und zu Pommern gab es mehrfache Gebietsveränderungen. Akten wurden aus Beständen herausgelöst und anderswo zugeordnet. Stettin war plötzlich polnisch. Alte Bearbeiter, die sich auskannten, wurden aus politischen Gründen ausgetauscht. Zu DDR-Zeiten ging man mit wichtigen Originalkarten und historischen Eigentumsverzeichnissen und anderen Büchern stiefmütterlich um.
Nicht so die Forstbehörden, denn ein Förster denkt in langen Zeiträumen, wenn es um die Waldentwicklung geht. Von einem erfuhr Dirk Schneider, dass es noch Originalkarten geben soll, die in seinem Archiv fehlen. Das Landesforstamt in Groß Schönebeck hat jetzt Hilfe versprochen.
Ebenso das Landeshauptarchiv in Potsdam. Hier ist man noch auf der Suche nach Uckermark-Funden. Aber einige Stücke hat Dirk Schneider schon entdecken können, auch wenn sie dringend restauriert werden müssten, bevor er eine Scan-Kopie mitnehmen kann.
"Wir suchen nach alten Separationsplänen, nach Bauakten, Situationsplänen von Bauanträgen vor 1910", so Schneider. "Uns interessieren auch Niederschriften der Bodenreform, Aufteilungs- und Anerkennungsschreiben." Stück für Stück soll das historische Archiv des Kataster- und Vermessungsamtes vervollständigt werden.
Denn die alten Karten sind nicht vergessen. Bei Streitigkeiten, Grenzfeststellungen und bei der Verbesserung der digitalen Liegenschaftskarten müssen private Vermesser und Behördenmitarbeiter unter Umständen bis auf die Ursprünge zurückrecherchieren. Und die beginnen um 1861. Da wollte der Staat seine Steuereinnahmen regulieren und benötigte genaue Grundstücksangaben aus jedem Dorf. So zogen die Vermesser los - Startschuss für die Katasterämter. Es entstanden in Angermünde, Templin und Prenzlau umfangreiche Kartensammlungen, akribisch geführte Eigentümerverzeichnisse und Flurbücher.
Erst zu DDR-Zeiten verloren einst wichtige Flurkarten und Grundstücksgrenzen an Bedeutung. Der alte Schatz an detaillierten Informationen über jedes Grundstück störte den Gedanken des Volkseigentums. Die alten Archive gerieten in Vergessenheit, wurden stiefmütterlich gelagert. Bei Vermessungen gab es Fehler. Das änderte sich erst mit der Wende. Da stürmten Eigentümer die wieder zu altem Ruhm gekommene Behörde. Und heute zählt jeder Zentimeter eines Grundstücks mehr denn je, kann er doch gar zu einem Rechtsstreit führen.
Für Dirk Schneider und seine Mitarbeiter geht die Suche in Archiven weiter. Wenn sie etwas entdecken, wird eine Kopie gefertigt und mit Sachverstand in die alten Unterlagen eingefügt. Jedermann hat später das Recht, die alten Akten einzusehen und Auskünfte über sein Grundstück zu bekommen. Viel zu wenig Historiker haben bisher die Bedeutung dieses Schatzes für ihre Forschung erkannt.