Trotzdem dürfen dort Wildschweine erlegt werden. Denn das 10 000 Hektar große Gebiet ist ein "vorzüglicher Rückzugsraum für Wildschweine und besonders für Bachen und ihren Nachwuchs". So hat es Nationalparkleiter Dirk Treichel festgestellt. Die Schäden, die die Tiere auf der Nahrungssuche speziell an den Deichen anrichten, gehen an die Millionengrenze.
Bauern und Kleingärtner in Nationalparknähe kennen die Wildschweinplage zur Genüge. Doch mittlerweile sind die Schwarzkittel nicht nur ein finanzielles Ärgernis, sondern eine ernstzunehmende Gefahr für die Sicherheit der Deiche. Und beim Hochwasserschutz hört auch für Dirk Treichel die Geduld auf.
Hochwasserschutz
"Der Nationalpark hat das Ziel, möglichst wenig in die Natur einzugreifen", erläutert Treichel. "Aber wir haben äußere Zwänge, bei denen wir wegen übergeordneter Ziele handeln müssen." So ein übergeordnetes Ziel ist der Hochwasserschutz. Für ihn hat das Land Brandenburg in den vergangenen Jahren Millionen von Euro ausgegeben. Bei Gartz ist die Deicherneuerung noch nicht ganz abgeschlossen, da gibt es bereits woanders Schäden durch die nimmermüde Rüsseltätigkeit der Wildschweine.
Inzwischen wird "auf breiter Front" gehandelt. Dies bedeutet nicht nur verschärfte Jagd und Prämien pro erlegtem Tier. Kirrstellen wurden errichtet, sodass die Jäger leichteres Spiel beim Abschuss haben. Vermehrt kommen Saufänge zum Einsatz. In ihnen sieht der Jäger über eine Kamera, wann ein Tier in die Falle geht. "Nach rund zwei Minuten ist er an der Falle und erlegt das Tier. Die Störung für den Nationalpark ist minimal. Wir haben keine Beunruhigung in der Fläche", erläutert Treichel. Er sei überzeugt von dieser Methode, weil sie sehr effektiv ist. Ein Jäger müsse etwa achtmal auf Jagd gehen, um ein Wildschwein zu erlegen. Der Nationalpark hat sich Saufänge beschafft, die sich Jäger ausleihen können. In der Saison 2019/20 wurden so 135 Wildschweine erlegt.
Über diese Strategie wurden jetzt die Mitglieder des Kuratoriums Nationalpark informiert. Das Thema wird auch unter Jägern diskutiert. Manche meinen, die deutsche Waidgerechtigkeit bleibe dabei auf der Strecke. Für den Kuratoriumsvorsitzenden Karsten Stornowki ist klar: "Saufänge haben Vorteile. Wir stehen dazu, dass die Jägerschaft vor Ort beim Eindämmen der Wildschweinplage im Nationalpark hilft."
Treichel räumt ein: "Wir hatten bisher ein Wissensdefizit, wieviele Wildschweine allein im Schutzgebiet leben, auf Durchreise sind oder auf Futtersuche gehen." Um gesicherte Zahlen zu bekommen, hat der Nationalpark in den letzten drei Jahren Wildschweine mit Sendern ausgestattet. "So haben wir zum Beispiel festgestellt, dass eine Bache mit ihrem Nachwuchs komplett im Nationalpark geblieben und kaum gewandert ist." Insgesamt sind18 Tiere (zehn Bachen, acht Keiler) mit einem gelben Senderband ausgestattet worden. Die Kosten von 43 000 Euro hat der Nationalpark bezahlt.
Bestandsregulierung
Der Nationalpark ist wegen seiner unberührten Natur und der guten Futterquellen ein Paradies für Wildschweine. Aufgrund der milden Winter und der Ruhezonen ist der Bestand geradezu explodiert. Davor haben Jäger gewarnt – gerade angesichts der Gefahr durch die Afrikanische Schweinepest. Sie könnte bei einem Übergreifen von Polen nach Deutschland auch Haustierbestände infizieren.
Nach Auswertung aller Beobachtungen lautet Dirk Treichels Fazit: "Wir müssen im Nationalpark beim Schwarzwild eine Bestandsregulierung durchführen, und zwar dauerhaft und das ganze Jahr über."