Den Sturm aufs Rathaus auf einen Sonnabend zu verlegen, macht in der Sache keinen Sinn. Selbst fleißige Bürgermeister sind Sonnabend nicht im Büro. Der Termin fünf Tage nach dem traditionellen Start in die fünfte Jahreszeit bescherte den Schwedter Narren dafür eine große Zuschauerzahl. Mehr als 200 Schwedter wollten bei bestem Wetter und am freien Tag sehen und hören, wie dem Stadtoberhaupt die Macht entzogen und das Rathaus von Narren regiert wird.
Die Narren ließen ordentlich auffahren. Schmissige Musik von Schalmeien aus Mecklenburg Vorpommern, flotte Tänze der kleinen und großen Gartetänzerinnen, Feuerwerk mit viel Farbe und ordentlich Krabum von Pyro-Mölli Wolfgang Möller. Auch einen Ausschnitt aus dem aktuellen Programm. "Primania for Future" gab es zu sehen. Ein mit Kochlöffel und Kellen um sich werfenden Koch schmiss zum Gaudi der Kinder eine Einheitsbrühe zur Deutschen Einheit zusammen.

Verspäteter Böllerschlag

Die Böllerschläge von Mölli, die den Bürgermeister um 11.11 Uhr aus seinem Vormittagsschlaf reißen sollten, gingen erst mit fünf Minuten Verspätung los. Noch länger mussten die Zuschauer auf das versprochene Freibier warten. Immer wieder erkundigte sich Präsident Axel "Aki" Kuhnert live übers Mikrophon, ob das Bier endlich laufe. Ein neues Fass und eine neue Kühlapparatur halfen nichts, die Narren mussten schnell zum Markt fahren und ein paar Kisten Flaschenbier kaufen, um ein Malheur zu verhindern. Kinder konnten sich über reichlich gratis Pfannkuchen freuen.

Pottwale im Kanal

Enttäuscht wurden jene, die sich von Aki und seiner Bütt ein paar Spitzen und Spötteleien gegen die Rathausspitze erhofft hatten. Der Primania-Präsident drohte "Jürgen" lediglich damit, dass Mölli gleich die Stalinorgel anwirft und ihm die Bude einknallt, wenn er nicht gleich Bier ’rausrücke. Ansonsten blieb der Narr erstaunlich zahm, textete den Schwedter Narren-Schlachtruf sogar in "Jürgen Helau" um und bot dem Bürgermeister eine Bühne. Der produzierte sich in seiner historischen Amtskluft und Prunkkette mit Versform vor seinem Volk. Polzehl griff das Faschingsthema Klimawandel der Primania auf und witzelte, dass wohl bald Pottwale im Kanal laichen und Wölfe durch den Stadtpark streichen.
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Nur einmal wurde es beim Rathaussturm spontan närrisch, als das Feuerwerk verklungen war. Das Tagfeuerwerk hatte Wolfgang Müller mit viel Farbe garniert. Bunte Papierschlangen aus Knallern und farbige Kondensstreifen hinter den Raketen sorgten für manches Ah und Oh im Publikum. Dennoch hatten die Böller ordentliche Bums und der Parkplatz vor dem Rathaus war fett in Qualm gehüllt. Trocken zitierte Axel Kuhnert: "Werner, die Russen kommen!" aus dem Comicfilm und der Bürgermeister kündigte ein dreiwöchiges Fahrverbot für Diesel in der Stadt an, um die CO2-Bilanz nach der Sauerei wieder auszugleichen.
Am 11.11. um 11 Uhr 11 beginnt traditionell die neue Karnevalssaison. Datum und Uhrzeit sind eine Schnapszahl, im Mittelalter auch Narrenzahl genannt. Am Martinstag (11. November) begann zudem das Fasten bis Weihnachten. Vorher wollten die Narren noch mal richtig ’reinhauen und auf den Tischen tanzen.