Bei ihren Recherchen für die Sendung "Länderzeit vor Ort" waren Moderatorin Bettina Köster und Journalistin Judith Grümmer auf die vielen polnischen Zuwanderer in der Uckermark aufmerksam geworden. Die Radiofrauen kamen zu dem Schluss: Dort passiert gelebte Integration.
In ihrer live-Sendung am Donnerstag spürten sie nach, wie polnische Zuwanderer eine deutsche Grenzregion wiederbeleben, die als strukturschwach gilt und aus der viele Einheimische weggezogen sind. Polnische Neubürger fassen in Dörfern des Amtes Gartz Fuß. Sie kaufen alte Häuser, bauen sie aus und schicken ihre Kinder in deutsche Kitas und Schulen.
Zu den Neubürgern gehört Marta Szuster aus Staffelde. In diesem Mescheriner Ortsteil haben sie und ihr Mann ein Haus gekauft, dessen Kaufpreis damals auf dem Niveau einer Stettiner Zweiraumwohnung lag. "Außerdem leben wir hier mitten in der Natur", sagt Marta Szuster. Das sei ihr wichtig für ihre drei Kinder. Sie wüchsen zweisprachig auf, lernten in der Kita Tantow Deutsch und hätten deutsche und polnische Freunde.
Dank polnischer Zuwanderer, die ihre Sprösslinge in deutsche Kindergärten schicken, konnten Kitas überleben. Die Einrichtung in Tantow trug sich vor knapp zehn Jahren mit dem Gedanken zu schließen. 2008 wurde das erste polnische Kind angemeldet. Seitdem sind mehr und mehr dazu gekommen. "Deutsche und polnische Kinder helfen sich gegenseitig beim Übersetzen", heißt es in einem Bericht aus dieser Kita. Sie ist jetzt ausgelastet. Die Erzieherinnen arbeiten Vollzeit.
Marta Szuster ist in Stettin geboren und in Hamburg aufgewachsen. Nach ihrem Studium in Polen hat sie sich bewusst für ein Familienleben in Deutschland entschieden. Sie mischt sich stark in die Gemeinde ein. Deshalb ist sie sogar zur Gemeindevertreterin von Mescherin gewählt worden.
Landrat Dietmar Schulze kennt diese Erfolgsgeschichte. Er sagt aber: "Polnische Integration ist kein Einzelfall mehr. Sie vollzieht sich in unserem Landkreis von Ost nach West." In der Uckermark leben derzeit 5200 ausländische Bürger aus 97 Nationen. 2000 sind Polen. "Es gibt eine Offenheit für polnische Zuwanderer auf dem Arbeitsmarkt. Polen bringen gute Deutschkenntnisse mit", fasst Dietmar Schulze zusammen.
Dass es beim Lernen der jeweils anderen Sprache großen Nachholebedarf gibt, macht Schwedts Vize-Bürgermeisterin Annekathrin Hoppe deutlich. "Die polnischen Einwohner sind der deutschen Sprache gegenüber viel aufgeschlossener als wir dem Polnischen. Die Stadtverwaltung schult inzwischen Mitarbeiter in Englisch und Polnisch, sodass zum Beispiel eine Wohnungs- oder Kita-Anmeldung bewältigt werden kann."
Perfekt Deutsch sprechen die jungen Ärztinnen Monika Korcz-Izykowska und Kamila Zgrzebniok. Die Polinnen absolvieren ihre Facharztausbildung am Schwedter Asklepios-Klinikum. Sie arbeiten auf Station und halten Sprechstunden ab. Oberarzt Thomas Klinkmann informiert: "Bei uns arbeiten 35 polnische Ärzte. Wir sind Lehrkrankenhaus für die Universität Stettin." Das Klinikum unterstütze die Ansiedlung polnischer Ärzte unter anderem durch Hilfe bei der Wohnungs- und Kita-Suche.
Reinhard Simon, Intendant der Uckermärkischen Bühnen, erläutert: "Der Mix zwischen Polnisch, Englisch und Deutsch ist an unserem Haus Alltag. Wir haben viele polnische Musicaldarsteller engagiert mit excellenter Ausbildung." Durch die Arbeit an der Grenze sei zwangsläufig die Idee gekeimt, das traditionelle Weihnachtsmärchen auch für polnische Kinder nachvollziehbar zu machen. "Mit 300 polnischen Märchenbesuchern fing es an. Jetzt haben wir 5000."
Während der zweistündigen Sendung riefen Zuhörer an. Schwedter erinnerten daran, dass es in den 1990er Jahren nur wenig Kontakte auf Augenhöhe zwischen Deutschen und Polen gegeben habe. Das habe sich geändert. Ein Hörer aus Berlin sprach gar von einer Vorbildrolle, die die Uckermark hier ausübe.
Bettina Köster befragte die Diskussionsteilnehmer nach ihrer Vision für die Grenzregion im Jahr 2030. Der Gartzer Amtsdirektor Frank Gotzmann sagte: "2030 bleiben die Kinder, die wir einschulen, auch hier. Sie lernen und leben in ihrer Heimat."