Von unsichtbaren Bedrohungen gehetzt sprintet Larissa Kristina Puhlmann durch die Bankreihen, drückt sich an die Wand und versucht, sich hinter einem Kartenhalter zu verstecken. Die Schauspielerin nutzt den ganzen Klassenraum als Bühne. Blitzschnell wechselt sie zwischen verschiedenen Rollen hin und her und geht immer wieder direkt auf die Schüler zu. Sie stellt Fragen, bietet Kekse an und hält Blickkontakt. Ins Mikrofon hinein macht sie täuschend echten Kriegslärm - Bombeneinschläge, Raketenabschüsse. Die laufen als Schleife weiter und geben dem Stück eine bedrohliche Atmosphäre.
Das Szenario: Die demokratische Politik in Europa ist gescheitert, faschistische Kräfte haben die Macht übernommen, es herrscht Krieg. Ein Jugendlicher muss seine Heimat verlassen, flieht nach Ägypten und wird dort immer ein Fremder mit Heimweh bleiben.
Mucksmäuschenstill ist es im Raum 103 der Schwedter Talsandschule, in dem das Jugendstück "Krieg. Stell Dir vor, er wäre hier" der Uckermärkischen Bühnen am Freitagvormittag Premiere hat. Gebannt schauen die Schüler der Klasse 10/2 der Schauspielerin zu, die es mit ihrem überzeugenden Spiel schafft, beim Zuschauer ein beklemmendes Gefühl hervorzurufen.
Durch ihr jugendliches Aussehen und ihr Outfit - Jeans, T-Shirt und Kapuzenjacke - ist die 27-Jährige kaum von den Schülern zu unterscheiden. Das macht es umso einfacher, sich mit ihr zu identifizieren. Requisiten braucht die Schauspielerin nur wenige: ein Radio, einen Rucksack, ein Mikrofon und ein Tagebuch, dass das Leben in friedlichen Zeiten symbolisiert. Alles andere spielt sich im Gesicht, in der Stimme und mit dem Körper von Larissa Kristina Puhlmann ab.
Für die junge Schauspielerin, die seit 2014 zum Ensemble der Ubs. gehört, ist es das erste Klassenzimmer-Stück. "Es ist eine Erfahrung, die man nicht täglich macht", sagt sie. Für sie ist der direkte Kontakt mit den Schülern sehr spannend. "Ich weiß ja selbst nicht, wie sie reagieren."
Am Freitag gibt es langen Applaus für die Schauspielerin. Auch Denise Rockstroh hat das Stück gefallen. "Ich konnte gut nachvollziehen, was gemeint war", sagt die 17-Jährige. "Ganz stark", sagt Deutschlehrerin Heidrun Garstelle.
Nach der 45-minütigen Aufführung wird das Gedankenexperiment mit den Schülern nachbereitet. "Wir wollen Diskussionen anregen", sagt Theaterpädagogin Waltraut Bartsch. "Wir wissen aber auch, dass wir keine Antworten geben können." Vielmehr gehe es darum, die Gegenperspektive zuzulassen. Auch Fragen wie "Was würdest Du auf eine Flucht mitnehmen?" sollen zum Nachdenken anregen. Das mobile Theaterstück für Jugendliche ab 14 Jahren ist ab sofort in Schulen der Region unterwegs.
Informationen und Buchungen via Theaterpädagogin Waltraud Bartsch, Tel. 03332538129.