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Der Graureiher steht auf einem Stück Holz, das aus dem Fittesee ragt, legt den Kopf schief und verfolgt aufmerksam die Kanus mit seinen gelben Augen. "Einfach ruhig weiterpaddeln", sagt Mandy Schliemann leise. "Keine hektischen Bewegungen beim Fotografieren. Schauen Sie Wildtiere nie direkt an, besser ist es, sie scheinbar zu ignorieren." Der große Vogel schüttelt den Kopf. Die Gruppe kommt nah genug an ihn heran, um die schwarzen Schopffedern fliegen zu sehen. Dann breitet der Reiher die Flügel aus und hebt ab. Die Fotoapparate klicken.
Es ist das ideale Kanuwetter, als die Künstlergruppe vom Landschafts-Plainair am Dienstag die Kanusaison eröffnet. Eine leichte Briese verscheucht die meisten der Stechmücken, Mandy Schliemann kann ihr Spray in der Tasche lassen. Die begeisterte Wassersportlerin ist eine von neun Kanuführern, die seit 2006 Nationalparkbesuchern das untere Odertal vom Wasser aus zeigen. Denn außer den geführten Gruppen, der Naturwacht und dem Nationalparkfischer Helmut Zahn darf niemand so weit in das Gewirr von Kanälen vordringen. "Langweilig wird es nie", sagt die 37-Jährige. "Jedes Jahr haben sich Tiere und Pflanzen anders entwickelt, jede Woche sehen die Wege ganz anders aus." Vor einer Woche hat die Naturwacht die geplanten Routen abgefahren und geschaut, ob sie frei sind, und neue Stege zum Umsetzen der Boote gebaut.
Die meisten Gäste, die mit Mandy Schliemann auf Tour gehen, haben noch nie in einem Kanu gesessen. "Und wenn ein Wal unterm Boot durchschwimmt, nicht über den Rand beugen!", warnt die Kanuführerin. Sie verteilt Schwimmwesten und erklärt die richtige Haltung des Paddels. "Nicht zu viel Kraft aufwenden, die Boote sind dafür ausgerichtet, langsam zu fahren." Auf den ersten Metern auf dem Kanal gelten Verkehrsregeln wie auf der Straße - rechts fahren.
Doch das wirkliche Ziel der Gruppe sind die Polder. Wegen des Hochwassers sind die Pumpwerke in Betrieb, es herrscht Strömung. "Auch wenn wir nichts sehen, werden wir garantiert gesehen", sagt die Kanuführerin. "Die Bäume sind voller Tiere, man muss nur hinschauen." Und tatsächlich: Ein Stück entfernt schraubt sich gerade ein Fischadler mit über zwei Metern Spannweite in die Höhe. Doch auch die Pflanzen faszinieren die Betrachter: die spitzblättrigen Krebsscheren zum Beispiel, die Mandy Schliemann "schwimmende Festungen" nennt. An die scharfkantigen Blätter traut sich kein Raubfisch heran. Das nutzen die gefährdeten Trauerseeschwalben, um ein sicheres Nest zu bauen. "Schauen Sie sich die großen Muscheln an", sagt Mandy Schliemann und deutet auf die Schalen, die am Ufer liegen. "Das spricht für eine ausgezeichnete Wasserqualität." Eine Pause ist auf der vier- bis fünfstündigen Tour eingeplant. Beim Ausstieg gibt es nasse Füße, denn der Anleger ist im Wasser versunken.
Jährlich bilden sich die neun Kanuführer fort, um den Gästen die Entwicklungen in Sachen Natur und Umweltschutz erklären zu können. Auch auf Englisch und zur Not mit Händen und Füßen, wie Mandy Schliemann sagt. Gefahren wird auf Wunsch und zu jedem Wetter, außer Blitze zucken vom Himmel oder die Wellen schlagen zu hoch. "Ich fahre gerne bei Regen, da sieht man die meisten Tiere", sagt Mandy Schliemann. "Man muss nur die richtige Kleidung dabei haben."
Abenteuer Wasser: Jetzt gehört das Gewirr von Kanälen, das sich durch die Polder zieht, allein der Kanugruppe. Außer mit den geführten Touren darf kein Tourist den Nationalpark durchpaddeln. Die Kanuführer achten darauf, dass sich alle respektvoll gegenüber der Natur verhalten.Fotos (3): MOZ/Oliver Voigt
Nationalpark startet Kanusaison im unteren Odertal / Ausgebildete Führer geben exklusive Einblicke in Natur