Die Lastwagen rollen und rollen: In großen gepressten Ballen wird Abfall aus England nach Schwedt transportiert. Die vorsortierten Stoffe aus den Haushalten der Insel verschwinden später im Schwedter Leipa-Kraftwerk. Als Ersatzbrennstoffe sorgen sie gemeinsam mit den Resten aus der Papierindustrie für die nötige Wärmeenergie und den Strom in der Papierfabrik Leipa.
Das Geschäft mit dem Müll floriert. Weil Deutschland seit Jahren riesige Kraftwerkskapazitäten geschaffen hat, ist der Bedarf an Ersatzbrennstoffen immer weiter gestiegen. Das haben große Entsorger und international agierende Partner schnell erkannt. Und so lohnt sich der weite Exportweg aus England in die entlegene Uckermark. Denn auf der Insel darf Müll zwar immer noch auf Deponien gefahren werden, die Steuern darauf steigen aber. Für die Entsorgung im deutschen Kraftwerk muss der Anlieferer pro Tonne bezahlen.
Begünstigend hinzu kommt der Umstand, dass England vor allem Waren aus aller Welt importiert. Um Leerfahrten der großen Logistiker auf der Rücktour zu vermeiden, werden Transporte günstig angeboten. So gelangen riesige Abfallströme nach Deutschland, in die Niederlanden oder nach Dänemark. Pro Jahr sollen allein mehr als 600 000 Tonnen Abfall aus England nach Deutschland kommen. In Schwedt kommt auch ein Teil davon an. "Pro Jahr verwerten wir mit unserer Anlage bis zu 300 000 Tonnen Ersatzbrennstoff. Davon stammen etwa zehn Prozent aus Großbritannien sowie ein geringer Teil aus dem angrenzenden Polen", erklärt Rüdiger Bösing, Kaufmännischer Geschäftsführer der Kraftwerk Schwedt GmbH. Errichtet worden sei die 170 Millionen Euro teure Anlage, um die Papierfabrik von Leipa sicher mit Dampf und Strom versorgen zu können. Um auch Reststoffe aus der Altpapieraufbereitung sinnvoll nutzen zu können, arbeitet das Kraftwerk mit einer Wirbelschichtfeuerung, die deren thermische Verwertung ermöglicht. "Die Abfallmengen aus Brandenburg stammen von einem regionalen Aufbereiter, der sich in einer europaweiten Ausschreibung als wirtschaftlichster Anbieter durchgesetzt hat und uns den Brennstoff für unser Kraftwerk liefert", erklärt Rüdiger Bösing. Das Werk gehört zur Unternehmensgruppe EEW Energy from Waste GmbH. Die betreibt noch 17 weitere Anlagen.
Doch die enormen Abfallimporte - auch aus anderen Ländern der Welt - haben eine Kehrseite: Für den deutschen Verbraucher steigen die Müllpreise. Diese Erfahrung hat gerade die Uckermark machen müssen. Rund eine Million Euro teurer ist die Verwertung des Abfalls pro Jahr geworden. "Die Kraftwerke suchen sich den Anlieferer, der am meisten zahlt", berichtet Thomas Hacker, Chef der kreiseigenen Uckermärkischen Dienstleistungsgesellschaft über die Hintergründe. "Dadurch fällt in Deutschland zurzeit mehr Abfall an als Kraftwerkskapazitäten vorhanden sind." Die Folge: Die vergleichsweise klägliche Jahresmenge von rund 25 000 Tonnen aus der Uckermark finden nach der Sortierung schwerer einen Abnehmer. Es soll Landkreises in Brandenburg gegeben haben, die sogar ihre Müllentsorgung aufgrund dieser Situation zweimal öffentlich ausschreiben mussten, weil sich niemand gefunden hatte.
Der Hausmüll aus den Uckermark-Tonnen landet weiterhin im Schwedter Müllsortierwerk von Recon-T. Geschäftsführer Uwe Bartz muss sich auch an die Marktpreise halten, will er den vorsortierten Abfall als Ersatzbrennstoff anliefern. Nach seinen Angaben haben die Preise zwar angezogen, aber immer noch nicht das Niveau von 2005 erreicht, als die Kraftwerkskapazitäten noch gering waren. Er selbst könne den Verbrennungspreis nur in seiner Kalkulation an den Landkreis weiterreichen, suche aber nach günstigen Wegen für die Verwertung.
Bis jetzt ist die Steigerung der Müllgebühr im Landkreis ab 2018 mit wenigen Euro pro Jahr moderat. Doch kommen noch mehr Müllimporte nach Deutschland, dürfte sie weiter klettern. Unklar ist, inwieweit sich der Brexit auf den Warenverkehr auswirkt. Die Uckermärkische Dienstleistungsgesellschaft hat daher kurze Vertragszeiten mit Recon-T abgeschlossen, um bei Preisveränderungen reagieren zu können.
Doch nach übereinstimmender Darstellung von EEW und Recon-T unterliegt der Warenverkehr bei Abfällen internationalem Recht. Das gilt auch nach dem Brexit.
Allerdings werden gerade in England neue Kraftwerkskapazitäten errichtet, wodurch die langen Transporte nach Deutschland entfallen könnten.