Wenn du nicht spurst, kommst du nach Schwedt! Mit dieser Drohung sind Generationen von NVA-Soldaten eingeschüchtert und gefügig gemacht worden. Schwedt war das Synonym für Drill, Strafe und Willkür. Ein geheimer, unheimlicher Ort. Ein dunkler Mythos. Für viele Tausend junge Männer wurde aus der Drohung Realität. Sie kamen nach Schwedt.
Für André Beier war der 25. November 1982 dieser Schicksalstag. Er musste dreieinhalb Monate in der Disziplinareinheit des Schwedter Militärgefängnisses dienen, ohne Verurteilung. Sein Vergehen: "Ich wurde in der Kaserne wochenlang gedemütigt und drangsaliert. Irgendwann habe ich zurückgeschlagen."  Damals war er 19.
Fast 40 Jahre später ist er zum ersten Mal an diesen Ort zurückgekehrt. Mit seinen Eltern Gerlinde und Herbert stellt sich der Dresdner endlich seinen Erinnerungen, seiner Geschichte. "Es war für uns eine ganz schreckliche Zeit. Wir wussten ja nicht, was dort passiert, haben Widerspruch eingelegt. Aber es nützte nichts", erinnert sich Mutter Gerlinde noch immer sichtlich bewegt. Gesprochen hat ihr Sohn auch nach der Entlassung nie über seine Erlebnisse. "Man musste ein Schweigegelübde unterschreiben und wurde eingeschüchtert, wenn man plauderte, wieder nach Schwedt geschickt zu werden. Es gab ja überall Spitzel", erzählt André Beier. Er gehört zu den rund 50 Besuchern einer Führung, die der gemeinnützige Verein Militärgefängnis Schwedt regelmäßig vor Ort anbietet.
Die Gäste kommen von überall her, aus der Uckermark, aus Potsdam, Berlin, Dresden, Göttingen. "Das Inte-resse ist groß. Viele Betroffene brauchten lange, um ihre Geschichte aufarbeiten zu können und wollen jetzt noch einmal diesen Ort sehen", erzählt Vereinsvorsitzender Detlef Fahle, der die Führung am Wochenende sehr informativ und authentisch gestaltet. Auf dem Gelände stehen noch einige Gebäude, wie das Wachehaus und der Block der ehemaligen Disziplinareinheit. In der Freiluft-Ausstellung "Soldaten hinter Gittern" informieren Stelen mit Fotos, Texten und QR-Codes über die 55-jährige Geschichte des Armeeknastes. Im Gebäude der Disziplinareinheit sind noch Arrestzellen zu besichtigen. Fahle spielt Tonaufnahmen vor, in denen ehemalige Gefangene von ihren Erlebnissen erzählen. Er berichtet vom Tagesablauf: acht Stunden Arbeit in der Leuchtenfabrik oder Betrieben außerhalb, zum Beispiel im PCK, in der Papierfabrik oder im Instandsetzungswerk Pinnow, anschließend militärische Ausbildung, Sport, politische Bildung. 12 bis 14 Stunden jeden Tag. "Das Schlimmste war das ständige Gebrüll", erinnert sich André Beier. Die Soldaten sollten mit Drill diszipliniert und "umerzogen" werden.

Gehorsam durch harten Drill

Detlef Fahle weiß, wovon er spricht. Er sollte selbst 1983 in der Schwedter Disziplinareinheit durch harten Drill gefügig gemacht und zu unbedingtem Gehorsam erzogen werden. Als schwuler Soldat musste er Spießruten laufen und drehte durch, als ein betrunkener Vorgesetzter ihn mit der Waffe bedrohte, wenn er sich an seine Unteroffiziere ranmache und sie dadurch schwul würden, dann blühte ihm was. Mit einem Armee-Lkw floh Detlef Fahle nachts aus seiner Kaserne des Militärflugplatzes Marxwalde, heute Neuhardenberg, mit dem Ziel Kap Arkona: Dort wollte er sich von den Klippen stürzen. Seine Fahrt endete in Bad Freienwalde und schließlich in Schwedt. Fahle kann heute unaufgeregt davon erzählen. Er hatte nach der Wende begonnen, seine Geschichte aufzuschreiben und  aufzuarbeiten.
Als er 2012 in der MOZ las, dass das Gebäude der Disziplinareinheit unter Denkmalschutz gestellt wurde, fuhr er an den Ort seiner Erinnerungen und wollte, dass diese auch für nachfolgende Generationen bewahrt und erzählt werden. 2013 gründete er mit Gleichgesinnten den Verein Militärgefängnis Schwedt, der Betroffenen und Angehörigen ein Forum des Austausches und Unterstützung bietet und gemeinsam mit Historikern und dem Stadtmuseum Schwedt an der jahrelang verdrängten Aufarbeitung der Geschichte dieses besonderen Gefängnisses arbeitet. Er will zeigen, was hinter dem Mythos Schwedt steckt.

Botschaft an junge Generationen

"Wir sind kein Opferverein, sondern eine Aufarbeitungsinitiative", betont Detlef Fahle. "Wir wollen auch junge Menschen erreichen, um ihnen den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie zu zeigen und deutlich zu machen, was Freiheit wirklich bedeutet", erzählt Detlef Fahle.
Ludwig und Frances Rohde waren noch nicht geboren, als der NVA-Knast Schwedt vor 30 Jahren geschlossen wurde. Der Mythos bleibt. Jetzt wollen sich die jungen Schwedter genauer informieren und kommen mit Freunden zu einer Führung. "Ich bin selbst bei der Bundeswehr und werde oft danach gefragt. Schwedt ist noch immer ein Begriff. Ich möchte das jetzt kennenlernen", sagt der 29-jährige Bundeswehrsoldat Ludwig. "Ich will nicht mit den Soldaten damals tauschen!"