In Deutschland ist der Brutbestand mittlerweile auf unter 1000 Paare abgesunken; viele Bundesländer mussten die Art schon ganz aus ihren Listen streichen. Die Trauerseeschwalbe wird auf der Roten Liste für Deutschland als "Vom Aussterben bedroht" geführt. Der brandenburgische Bestand umfasst heute zirka 400 Paare. Noch Mitte des vorigen Jahrhunderts war die Trauerseeschwalbe die häufigste Seeschwalbe in Deutschland. Haupt­ursache für den Bestandsrückgang sind Lebensraumverlust, Störungen am Brutplatz, Nistplatzmangel und die hohe Anzahl an Fressfeinden.
Im Nationalpark Unteres Odertal ist die kleine Seeschwalbe von Anfang Mai bis Ende August aber regelmäßig zu beobachten und das vor allem auch, weil der Mensch seit mehr als vier Jahrzehnten unterstützend eingreift. Nur Dank dessen gehört die Trauerseeschwalbe noch immer zu den beständigen Brutvögeln im unteren Odertal.
Binnenlandvogel liebt den Sumpf
Als ausgesprochener Binnenlandvogel bevorzugt die Trauerseeschwalbe Niederungsgebiete und Sumpflandschaften mit Überschwemmungsflächen, wie sie der Nationalpark noch hat. Ufernahe Flächen mit einer dichten Vegetation aus Teich- und Seerosen sowie Krebsschere bieten ideale Brutplätze und zudem Schutz vor Räubern. Die aus Pflanzen, faulenden Blättern und anderen abgestorbenen Pflanzenteilen errichteten, kunstlosen Nester stehen stets mitten im Sumpf, vom Ufer entfernt an unzugänglichen Stellen.
Im Nationalpark Unteres Odertal brüten derzeit zirka 50 Paare, in manchen Jahren sogar bis zu 100 Schwalbenpärchen. Mit fast zehn Prozent des deutschen und 25 Prozent des brandenburgischen Brutbestandes sicherlich ein erfreuliches Ergebnis, doch müssen Ornithologen dafür jährlich gewisse Anstrengungen unternehmen. Da es vielerorts auf den als Brutplatz auserkorenen kleineren Seen und Söllen in der Agrarlandschaft zu Störungen kommt, sind gerade die Altwasserarme im unteren Odertal nordöstlich von Schwedt/Oder störungsfreie Rückzugsgebiete zur Aufzucht der Jungen. Doch wie gesagt geht es auch hier im Nationalpark nicht ganz ohne Zutun des Menschen.
Jahr für Jahr wird den Trauerseeschwalben mit künstlichen Nisthilfen "unter die Flügel" gegriffen. Diese schwimmenden Nester aus grünlich bemaltem Polyurethanschaum in der Abmessung 30 mal 30 Zentimeter sind eine wichtige Unterstützung beim Nestbau. Mit einer Schnur aneinandergereiht bieten sie ideale Voraussetzungen für die Ansiedlungen von mehreren Paaren, die dann eine Brutkolonie bilden. Dies kommt dem Naturell der Seeschwalbe als geselliger Vogel zugute, denn sie brütet niemals einzeln. Ohne diese kleine Flöße ist die Gefahr für die stets schwimmenden oder auf Schlammhügeln errichteten Nester groß. Bei ungünstiger Witterung mit Starkregen, heftigem Wind und hohen Wellen sowie stark schwankenden Wasserständen muss mit Verlust des Geleges oder der noch nicht flüggen Jungen gerechnet werden.
Bereits in den 1980er-Jahren, als die Brutunterlagen noch mühsam in Handarbeit gefertigt wurden, also nicht über einen Versandhandel bezogen werden konnten, begannen ehrenamtliche Ornithologen mit dem Ausbringen der schwimmenden Unterstützung. Allein auf diese Weise konnte damals ein weiterer Rückgang gestoppt werden. Heute werden im Nationalpark alljährlich von Ende April bis Anfang Mai von ehrenamtlichen Naturschützern und Mitarbeiter*Innen der Naturwacht bis zu 250 Nisthilfen auf mehreren Gewässern ausgebracht und kontinuierlich beobachtet sowie der Nachwuchs erfasst.
Ein Gelege besteht meist aus drei, seltener aus zwei oder vier Eiern. Die Jungen, die nach drei Wochen Brutzeit schlüpfen, können sehr bald schwimmen und das Nest verlassen. Sie müssen aber von den Eltern regelmäßig aufgewärmt werden.
Nach weiteren drei Wochen, also Anfang Juli, verlassen die flüggen Jungvögel die Brutkolonie und gehen mit den Altvögeln auf Nahrungssuche. Schon im August treten sie mit den Eltern den langen Flug bis ins westliche Afrika an, um dort zu überwintern. Eine lange, gefährliche Reise, die nicht alle überleben.
Trauerseeschwalben jagen häufig im Flug. Im Gegensatz zu ihren Verwandten sind sie keine ausgesprochenen Stoßtaucher, sondern fliegen oft gaukelnd und nahezu schwerelos über dem Gewässer und picken Insekten und deren Larven von der Wasseroberfläche. Dabei können sie, ähnlich wie ein Falke, rüttelnd in der Luft über einem Punkt stehen bleiben und sogar ein kleines Stück rückwärts fliegen. Regelrechte Verfolgungsflüge vollführen die Trauerseeschwalben auf der Jagd nach Großschmetterlingen. Ein besonderes Schauspiel bieten die rasanten Balzflüge, in denen Trauerseeschwalben eindrucksvoll ihr Flugvermögen demonstrieren. Auf ihrem Speiseplan stehen neben Libellen, Schmetterlingen und Großinsekten auch kleine Frösche und Fischchen.
Fressen und gefressen werden gehört auch zum Leben der Trauerseeschwalben. Eier und Jungvögel sind willkommene Beute für verschiedene Vögel und Säugetiere. Gerade weil der Trauerseeschwalbe nur noch wenige Brutgebiete verblieben sind, können Nesträuber hohe Verluste anrichten, insbesondere dann, wenn sie auch schwimmen können. Vor allem die heute vielerorts heimisch gewordenen Raubsäuger wie Amerikanischer Mink, Marderhund und Waschbär breiten sich weiter aus und können lokal zu hohen Jungvogelverlusten bei den Trauerseeschwalben führen.
2013 waren es 195 Brutpaare
Im Nationalpark Unteres Odertal werden seit Jahren die Bestände von ehrenamtlichen Ornithologen und Mitarbeitern der Naturwacht erfasst und dokumentiert. Die nüchterne Statistik weist seit 1991 mindestens 43 im Jahr 2002 bis höchstens 195 Brutpaare – 2013 – auf. Im Jahr 2010, als im Mai die Nasspolder aufgrund des Sommerhochwassers geflutet werden mussten, waren bereits 110 der künstlichen Nisthilfen besetzt. Bei den in den folgenden Stunden und Tagen stark ansteigenden Wasserständen boten auch die künstlichen Nisthilfen keinen Schutz. Die damaligen Bruten waren durch dieses Extremereignis verloren. Ab Ende Juni fanden sich zirka 30 Brutpaare auf den durch sinkende Wasserstände aufgetauchten Nisthilfen ein. Erfolgreiche Bruten gab es damals jedoch nicht mehr. Anders könnte das diesjährige Ergebnis aussehen, da von den 76 ausgebrachten Nisthilfen schon nach kurzer Zeit 46 besetzt waren.
Neben der Trauerseeschwalbe konnten in den vergangenen Jahren im Nationalpark auch nahe Verwandte dieser ornithologischen Kostbarkeit registriert werden. Die noch selteneren Weißbart- und Weißflügelseeschwalben, die den Trauerseeschwalben sehr ähnlich sehen, haben ebenfalls den einzigen Auen-Nationalpark Deutschlands für sich entdeckt und erste Brutversuche gestartet. Eigentlich ziehen sie im Frühjahr nur durch das untere Odertal, doch scheinen die optimalen Wasserverhältnisse und das Mosaik von Altwasserarmen, Feuchtwiesen und Überflutungsräumen sie zum Bleiben bewogen zu haben.
Schon vom Deich kann der Nationalparkbesucher das muntere Treiben der Luftakrobaten bequem beobachten. Ausgerüstet mit einem guten Fernglas ist der wippenden Flug über den Wasserflächen und das Füttern der Jungen nach erfolgreichem Beutezug ganz nah. Um eine ungestörte Brutzeit zu gewährleisten, ist entsprechend der Verordnung zur Regelung der Fischerei im Nationalpark Unteres Odertal aus dem Jahr 2007 in Bereichen von Seeschwalbenkolonien in der Zeit vom 1. Mai bis 31. Juli das Angeln verboten. Entsprechende Informationen können dem jährlich erscheinenden Anglermerkblatt entnommen werden.

MOZ-Serie

"Tieren auf der Spur" ist die Märkische Oderzeitung in Zusammenarbeit mit dem Nationalpark Unteres Odertal einmal im Monat. Im Mittelpunkt der neuen Reihe stehen Tiere, die sich rund um das Naturreservat wohl fühlen und im schönsten Auenland jenseits von Mittelerde eine Heimat finden. Denn oft sind im Nationalpark bedeutende Vorkommen bedrohter Arten in Brandenburg. Mit einzelnen Tierarten kann die Region sogar bundesweit glänzen. Das Projekt von MOZ und Nationalpark bietet dem Reservat in seinem Jubiläumsjahr die Möglichkeit, sich mit seinen tierischen Kleinoden zu präsentieren. Experten aus dem Team des Parks stellen dafür bekannte, weniger bekannte und bedrohte Tierarten vor. Im zweiten Teil geht es um die Trauerseeschwalbe, deren trauriges Schicksal es ist, dass ihr Bestand stark gefährdet ist. Ihren Namen hat sie aber wegen ihres schwarzen Gefieders bekommen. pif