Im Februar hatten die Poetry Slammer auf Einladung von Ortwin Bader-Iskraut zuletzt Station in Schwedt gemacht. Dann kam die Pandemie. Zumindest zum Höhepunkt im Sommer, dem ultimativen Vergleich zwischen Provinz und Metropole, waren die Kiezpoeten wieder am alten Oderarm. Sechs Wortkünstler hatte der Moderator geladen.
Die Mischung passte. Und Janet war nach der ersten Runde keinesfalls die Favoritin. Sie setzte sich nur knapp gegen ihre Konkurrentin Natalie aus Schwedt durch. Aus der Uckermark glänzte dagegen Elisa aus Prenzlau. Ihr Beitrag: politisch. Ihr Thema: Emanzipation. Ihre Botschaft: Alle Männer sind Machos.
Volker Surmann blieb beim Thema Männer. Der Journalist widmete sich dem männlichen Geschlechtsorgan und der These, dass dies völlig überflüssig ist. Das ließ er so stehen, nicht ohne mehrfache Anmerkungen über seine eigene Homosexualität.
Poetry Slam ist überraschend. Poetry Slam ist politisch und kann auch beklemmend sein. Sarah Borowik-Frank trat den Beweis an: Der "modern orthodoxen" Jüdin gelang es in ihren knapp sechs Minuten, ein komplexes Stück auf die Odertalbühne zu bringen, samt gesungenem jüdischen Friedensgruß und der Erinnerung an Auschwitz, an die millionenfache Ermordung der Juden im Deutschland der 1930-er und 194-0er Jahre.

"Wehret den Anfängen"

"Wehret den Anfängen", lautete Sarahs Botschaft. Denn es geht wieder los. "75 Jahre nach Kriegsende sind wieder jüdische Sy­nagogen im Visier von Rechtsradikalen", sagte sie. Stille im Publikum, die Stimmung war innerhalb von Minuten von feixend aufgekratzt ob der Beschreibung der männlichen Anatomie zu hilfloser Betroffenheit gekippt. Tosender Applaus belohnte den Beitrag trotzdem oder deswegen. Für die zweite Runde reichte es nicht.
Schauspieltalent, ein humorvoller Plot und eine Prise Slapstick. Das waren die Zutaten, mit denen Alina Sprenger die Stimmung im Publikum erneut drehte. Sie hatte sich das Herzkino des Zweiten Deutschen Fernsehens vorgenommen – "das ist für alle, denen die Krimis auf dem Ersten zu hart sind."
Keine Kniffe, keine Tricks und keine provokanten Themen schafften es am Ende jedoch, die Natürlichkeit zu toppen, die Janet Baumgart an den Tag legte. Sie reimte am Ohr ihrer Generation, die sich im Publikum angesprochen fühlte und auch die Eltern und Großeltern, die in den Beiträgen über Mathe-Abitur, "Pille Palle" – bunte Pillen, die abhängig machen und Cyber-Mobbing in sozialen Netzwerken ihre eigenen Kinder vor dem geistigen Auge auftauchen sahen. Da lag im Finale auch das originelle Rezept für Trauerklöße von Volker Surmann nur noch schwer im Magen.