Die Premiere von „Antigone“ an den Uckermärkischen Bühnen Schwedt musste im Mai wegen Corona verschoben werden. Jetzt wird sie am 3. Oktober nachgeholt. Karten sind seit Wochen ausverkauft. Die Titelrolle in „Antigone“ spielt Adele Schlichter, Jahrgang 1989, aufgewachsen in Eisenach, seit 2019 in Schwedt. Im MOZ-Gespräch erzählt sie über ihre Rolle und das Brechen von Gesetzen.

Frau Schlichter, Antigone ist eine junge Frau, die sich gegen das Gesetz von König Kreon stellt und ihren Bruder beerdigt. Ist sie eine Kriminelle?

Natürlich muss man Gesetze respektieren. Aber nicht, wenn sie der Menschlichkeit widersprechen. Für Antigone sind die Gesetze das, was die Götter vorgeben. Daran hält sie sich. Da gibt es für sie keine Diskussion. Kreon sieht im menschengemachten Gesetz das Größte. Beide verharren auf ihrem Standpunkt und rücken keinen Zentimeter davon ab. Für mich sind die Gesetze das, was Humanität bedeutet.

Man könnte auch sagen, Antigone hat ihrem Herzen gehorcht. Fühlen Sie sich dieser Denkweise nahe?

Ich kann verstehen, wenn jemand rausgeht aus dem Saal und sagt: Eigentlich hat Kreon recht und Antigone hat sich da selber reingeritten. Ich bin ihr aber viel näher, als ich Kreon bin. Für mich ist Menschlichkeit nicht verhandelbar. Wenn die Zuschauer das ähnlich sehen, freut mich das. Antigone hat ein großes Gerechtigkeitsempfinden. Das kann ich sehr gut verstehen.

Der Preis für diesen Gerechtigkeitssinn ist hoch. Hätte sie nicht nachgeben können?

Darüber haben wir uns im Team viel unterhalten. Gehenkt zu werden – ihr war das nicht egal, zu sterben. Es war für sie aber eine bewusste Entscheidung, mit diesen Menschen – König, Schwester, Hofstaat – nicht leben zu können. In den Tod zu gehen ist nichts Heldenhaftes. Für Antigone musste es sein.

Der Text ist über 2000 Jahre alt. Warum wird er immer wieder auf die Bühne geholt?

Weil wir viel aus diesem alten Stoff fürs Heute entnehmen können – ob das nun Gott, Gesetz oder Humanität heißt. Uns sind viele Parallelen zu Karola Rakete aufgefallen, die als Kapitänin Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet hat. Sie ist dafür verhaftet worden, hätte aber nie anders handeln können als zu helfen. Oder nehmen wir das Flüchtlingslager in Moria. Die EU hat keine Lösung. Man hat das Gefühl, die Menschlichkeit versagt.

Gibt es für Antigone keinen Ausweg?

Wir erzählen keine finale Lösung. Die Zweifel bei ihr und bei Kreon spielen eine große Rolle. Angst und Unsicherheit begleiten sie die ganze Zeit. Kreon will seine Nichte nicht opfern. Aber er hat das Gesetz gemacht. Antigone kann ihr Handeln nicht zurückziehen, weil: Den Bruder nicht zu begraben, das geht für sie nicht. Trotz ihrer Stärke sind Kreon und Antigone ja Menschen. Aber ihr Problem ist nicht lösbar. Es ist ja nicht besser, nachdem sie gestorben ist.

Ist das eine Traumrolle für Sie?

Ich finde es immer toll, wenn man starke Frauengeschichten erzählt. An den Uckermärkischen Bühnen hat man mir viel Vertrauen entgegengebracht. Ich durfte die Eve im „Zerbrochenen Krug“ spielen und die Journalistin in „Nürnberg“. Von Antigone habe ich ganz viel gelernt. Im Stück werden Konflikte verhandelt, über die man auch heute schwer sagen kann: Das ist Recht und das ist Unrecht. Ich hoffe, dass der Zuschauer in allen beteiligten Personen etwas von sich selbst erkennt. Ich stehe ja auch nicht in Moria und helfe dort. Aber meine Haltung ist klar.

Worum geht es in dem Stück?


Antigone will ihren Bruder beerdigen, obwohl es der König verboten hat. Ihr Onkel Kreon ist dieser König. Als Antigone ihren Bruder tatsächlich begräbt, sieht Kreon keinen anderen Ausweg, als sie zum Tode zu verurteilen. Beide bleiben bei ihrem Standpunkt. Keiner schafft es, sie umzustimmen, da sich beide im Recht sehen. Es folgt eine Tragödie. Zurück bleibt Antigones Schwester Ismene, die sich nicht entscheiden wollte. Dürfen wir uns gegen das Gesetz stellen, wenn wir unsere Werte verletzt sehen? Schon vor 2500 Jahren hat Stückautor Sophokles Fragen nach Recht und Moral gestellt. emw