Die Antwort birgt Sprengkraft in sich, im wahrsten Sinne des Wortes. An 170 Stellen in und entlang der Querfahrt soll das vom Wasser- und Schifffahrtsamt Eberswalde beauftragte Kampfmittelbergungsteam 2014 während seines 40-Tage-Einsatzes Bomben, Granaten und andere Munition gefunden haben. Tonnenweise ist da hochexplosives Teufelszeug schon in die Luft gejagt worden, um es unschädlich zu machen.
Ungefähr ein halbes Dutzend Mal sind Querfahrt, Schleuse, Deichwege und Umgebung im Vorjahr gesperrt worden wegen solcher Sprengungen. Und immer noch ist keine Ende in Sicht. Nach Fundmunition ist immer nur dort und dann gesucht worden, wo und wenn gebaut werden sollte.
Die Schwedter Querfahrt liegt im Nationalpark und ist verschlammt, Deichbrüche sorgten in der Vergangenheit für Versandungen. Das Wasser- und Schifffahrtsamt will die Fahrrinne deshalb ausbaggern und wieder auf Fahrtiefe bringen. Die Eisbrecher-Flotte nutzt die Querfahrt als Abkürzung auf dem Weg zur Oder. Deshalb musste erneut nach gefährlichen, hochexplosiven Überbleibseln der Weltkriegskämpfe gesucht werden.
Unterm grünen Teppich des Nationalparks schlummert jede Menge Gefahr. Sowohl in der Querfahrt als auch an den Deichhängen ist stichprobenartig nach Munition gesucht worden. Vier Testfelder befanden sich in der Fahrrinne. Dort sind 349 Stück Munition gefunden worden. Innerhalb der 18 Testfelder an den Uferhängen waren es 164 Stück Munition. 1,32 Tonnen explosiver Weltkriegsschrott. Als das besonders ergiebige Testfeld 4 von fünf mal zehn auf fünf mal 23 Meter erweitert worden ist, fanden sich allein dort 108 der 82-mm-Granaten.
Das hatte das Wasser- und Schifffahrtsamt veranlasst, in der gesamten Querfahrt ein absolutes Ankerverbot zu verhängen. Mit Wirkung vom 25. September 2014 wurde von der Stadtverwaltung verboten, die Uferzone an der Querfahrt zu betreten oder, wie es im Amtsdeutsch hieß, den "Gemeingebrauch der Polder B und 10 im Bereich der Schwedter Querfahrt eingeschränkt".
"Die Kampfmittel müssen geborgen werden", hieß es in der Ausgabe des Schwedter Rathausfensters vom September 2014. Bis zur vollständigen Bergung der Kampfmittel ist das Betreten der Fläche zwischen Uferlinie und Beginn der Deichkrone - nördlich und südlich der Schwedter Querfahrt - verboten. Untersagt ist vor allem das Angeln und Baden im genannten Bereich. "Allerdings können die Rad- und Wanderwege auf der Nord- und Südseite weiterhin frei benutzt werden", bestätigte die zuständige Fachbereichsleiterin im Rathaus, Heike Voigt, am Dienstag dieser Zeitung noch einmal. "Auch wenn einige Angler meinen, da ist seit Jahrzehnten nichts passiert, kennen wir jetzt zumindest das ungefähre Ausmaß der Gefahr und müssen handeln." Das Sperrgebiet ist durch Warnschilder an Land markiert worden.
Warum liegt in der Querfahrt immer noch tonnenweise Fundmunition? Sprengmeister André Vogel vom Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes Brandenburg kennt die historischen Gründe. Ein alter Leutnant, so erzählte Vogel während eines Einsatzes in Schwedt dieser Zeitung, habe ihm die Abläufe der Kampfhandlungen in den Tagen zwischen dem 15. und 24. April 1945 beschrieben. Allein auf den Deichen soll vier Tage lang gekämpft worden sein. Der drei Kilometer lange Kanal beiderseits der Schwedter Querfahrt war das Hauptangriffsziel der sowjetischen 49. Armee, um die Oder zu überqueren. Bei den verlustreichen Kämpfen ging es über mehrere Tage hin und her. Am 15. April wurde die sowjetische Armee zurückgetrieben, weitere Angriffe folgten am 17. April, die bis zum 19. April andauerten. Nachdem die Sowjets die Schleuse in den Abendstunden erobert hatten, holten sie die Deutschen in der Nacht im Gegenangriff zurück. Die Kämpfe führten dazu, dass die Sowjets die Hohensaaten-Friedrichsthaler-Wasserstraße als Ausgangspunkt für den Hauptangriff am 20. April nutzten. Sie scheiterten. Als die Truppen am 24. April ihre Kampfhandlungen einstellten und nach Gartz weiterzogen, hinterließen sie ein fürchterliches Schlachtfeld. "Und da hat man halt aufgeräumt", sagt André Vogel. Die Kampfmittel wurden vergraben oder ins Wasser geworfen. Und dort liegen sie bis heute.
Ein Ingenieurbüro kalkuliert gerade die Kosten für die gesamte Beräumung. Sobald die Taucher wieder ins Wasser können, geht die Suche nach Munition weiter.