Der Weggang des 48-jährigen Ausländerbeauftragten Ibraimo Alberto aus Schwedt hatte im Sommer große Wellen geschlagen. Was ist dran an den Schlagzeilen und bundesweiten Medienberichten über die angebliche Flucht aus Unsicherheit vor rassistischen Übergriffen?
Die überregionalen Medienberichte zum Weggang von Ibraimo Alberto aus Schwedt sind inzwischen Legion. Mit Ausnahme von Veröffentlichungen aus dem rechten Lager haben sie alle einen Tenor: Die Stadt muss so fremdenfeindlich, latent rassistisch und von Nazis bestimmt sein, dass man hier nicht mehr sicher leben kann, zumindest als Mensch mit schwarzer Hautfarbe. Seither bekommen Bürgermeister, Sportvereine und Hotels viele Mails und Anrufe von außerhalb. Geplante Urlaube werden abgesagt, die Stadt und Bürger beschimpft, von „Hetzjagd“ gegen den Ausländerbeauftragten ist die Rede.
Ibraimo Alberto ist Schwarzafrikaner, in Mosambik geboren, Sohn eines Stammesführers. Er kam zum Studieren in die DDR, als das nicht klappte, lernte er Fleischer, fand zum Sport und wurde vom Schwedter Boxclub entdeckt und nach Schwedt geholt. Seit vielen Jahren hat er die deutsche Staatsbürgerschaft. 21 Jahre lebte er selbstbestimmt in Schwedt. Er ist Mitglied der SPD. Wurde mit 184 Stimmen zum Stadtverordneten gewählt. Einstimmig zumAusländerbeauftragten berufen. Zuletzt war er ehrenamtlicher Mitarbeiter im Jugendtreff Flash Too. Er hatte viele Freunde, Vertraute und Wegbereiter in der Stadt. Politiker, Pfarrer, Trainer, Journalisten, Sportkameraden. Bei all denen verabschiedete er sich in diesem Sommer mit der Begründung, endlich eine bezahlte Arbeit gefunden zu haben. In Karlsruhe. Dankbar und herzlich schildern anschließend alle Besuchten seine Verabschiedung. Wenige Wochen später fallen sie aus allen Wolken.
Der erste Bericht über Albertos „Flucht“ aus Schwedt stammt von dem freien Journalisten Peter Huth aus der Uckermark. Er betreibt die mit Fördermitteln bezahlte Internetseite Gegenrede. Sie dient dem Ziel, Informationen über rechtsradikale und rassistische Vorfälle und Tendenzen öffentlich zu machen. Zeitungen wie Potsdamer Neueste Nachrichten, Berliner Kurier und Süddeutsche Zeitung sowie Fernsehsender von RBB über RTL bis ZDF berichten anschließend darüber, dass Ibraimo Alberto in Schwedt nicht mehr leben konnte und geflohen sei, dass er und seine Familie permanent verbal und körperlich attackiert, dass ihm im Rathaus die Türen vor der Nase zugeschlagen wurden, dass seine Anzeigen im Sand verliefen und dass er immer öfter nur Schweigen und Wegschauen erntete.
Den letzten Anstoß hätten ein Angriff gegen seinen Sohn und eine Todesdrohung auf dem Schwedter Fußballplatz gegeben. Letzter Beweis für das fremdenfeindliche Schwedt sei eine heruntergerissene polnische Fahne in einem Jugendklub gewesen.
Auf einer Pressekonferenz beim Rechtsanwalt der Familie in Schwedt, an der Ibraimo Albertos geschiedene Frau sowie seine Unterstützer Peter Huth und Lothar Priewe, früherer Integrationsmitarbeiter des Landkreises, mitwirken, wird behauptet, jeder vierte Schwedter ist latent rassistisch, ausländerfeindlich eingestellt. In Schwedt soll es zirka ?500 gewaltbereite Anhänger der Neonazis geben. Elf Anzeigen wegen rassistischer Angriffe gegen Ibraimo Alberto und seine Familie wären ergebnislos im Sande verlaufen. Ibraimo Alberto, selbst schon in Karlsruhe, wird zitiert mit dem Vorwurf, als Sozialarbeiter keine Arbeit in Schwedt gefunden zu haben – weil er schwarz ist, und dass „die Schwedter“ bei dem Vorfall auf dem Fußballplatz zugeschaut hätten, als wäre das ein Theaterstück gewesen.
Seither fragen sich nicht nur seine erklärten Freunde, ob sie in einer anderen Stadt wohnen. Der Eindruck, der in fast allen Medienberichten vermittelt werde, stimme in nichts mit dem überein, was sie täglich erlebt haben und erleben. Ist Schwedt wirklich so ausländerfeindlich?
Ibraimo Albertos Schilderungen von Frotzeleien, dummen Sprüchen, Beleidigungen gegen ihn und seine Familie sind glaubhaft. In vielen deutschen Städten gibt es das. Auf manchem Fußballplatz. An etlichen Kneipenstammtischen. Wer davon betroffen ist, wird beleidigt, erniedrigt, gekränkt. Zu Recht spricht derjenige von Rassismus.
Stimmt es deshalb aber, dass diese Haltung in Schwedt vorherrscht, jeder vierte Schwedter so denkt? In Schwedt gab es 2010 nachweislich eine aktenkundige Anzeige wegen rechter Gewalt gegen Ausländer. In ganz Brandenburg 33. Die Schwedter Polizei, nicht wenige der Beamten hatten sich bisher als Vertraute, Sportfreunde oder Bekannte Ibraimos bezeichnet, sprechen von 15 bis 20 bekannten Rechten in der Stadt. Aktiv im Sinne von öffentlich wirksam sind ihrer Kenntnis nach davon weniger als eine Handvoll. Sie tragen T-Shirts mit dem Aufdruck „Volkstod BRD“ oder halten ein Transparent mit rechten Parolen zum Brandenburgtag hoch.
Polizeiverantwortliche machen keinen Hehl daraus, dass sie „jeden Pups“ zur Anzeige bringen, der nur nach politisch motivierter Straftat rieche, um sich nicht den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, auf dem rechten Auge blind zu sein.
Nachgewiesen sind vier Anzeigen wegen fremdenfeindlicher Angriffe gegen Ibraimo Alberto und eine wegen des Angriffs auf seinen Sohn bei der Polizei. Aufgegeben von Ibraimo Alberto in Begleitung von Lothar Priewe. Aus Sicht der Polizei leider erst Wochen nach den Vorfällen und ohne verwertbare Hinweise auf Autokennzeichen oder Täter.
Boxfreunden von Ibraimo Alberto fällt die Kinnlade herunter, als sie lesen, dass sie ihm angeblich den Erfolg im Verein geneidet hätten. Hier war der Sportfreund akzeptiert, geachtet. Trotz seiner vielen Niederlagen im Ring. Als er sich verfolgt fühlte, kundschafteten seine Vereinsfreunde die Verfolger aus. Jeder im Verein hätte ihn überall rausgeboxt. Die Interviews und Aussagen empfinden seine Boxkollegen als unfairen Schlag unter die Gürtellinie.
Den Vorfall beim Fußballspiel der?A-Jugend FC Schwedt gegen FSV Bernau als rassistischen Angriff zu bezeichnen, ist schlichtweg gelogen, ärgert man sich im Verein am Stadion Heinrichslust und beim Bernauer Verein. Schiedsrichter, der Bernauer Trainer, Schwedter Verantwortliche seien dazwischengegangen, als sich die Spieler nach dem Schlusspfiff angifteten, berichten Augenzeugen. Ibraimo Alberto, einer von 18 Zuschauern, sei zu den Kids auf den Platz gerannt, eher provozierend als deeskalierend, heißt es.
Der FC Schwedt organisiert Anti-Agressions-Camps, kickt mit Vietnamesen, Russland-Deutschen, Kroaten. Multikulti ist hier gelebte Wirklichkeit, sagen die Trainer. „Aber die Behauptungen passen wohl in die Vorurteile über Schwedt, Brandenburg und den Osten“, wertet der Vater eines Bernauer Spielers das deutschlandweite Medienecho.
Am meisten fühlen sich dennoch jene von Ibraimo Alberto enttäuscht, die ihn als Freund verstanden. Die ihm immer wieder Jobs vermittelten: beim Bau, im Eiscafé, als Fahrer, Vertreter. Die ihm zur Seite standen, wenn seine offenkundig mangelhaften Deutschkenntnisse und fehlende Qualifizierung ihn einschränkten. Sie halfen ihm aus der Klemme, als er ungebremst auf ein Polizeiauto auf der Autobahn raste und sich eigentlich dafür vor Gericht hätte verantworten müssen. Sie sorgen dafür, dass es nicht an die große Glocke gehängt wird, als sein jugendlicher Sohn mit anderen – als Mutprobe – rechtsradikale Parolen mitgrölt und mit einem Grafithandschuh als Waffe von der Polizei verhaftet wurde. Die, die sich nach einem Angriff gegen ihn vor drei Jahren demonstrativ vor ihn stellten, die Telefonketten organisieren, ihn zu Anzeigen raten. Die, die ihn einstimmig zum Ausländerbeauftragten gewählt hatten.
Es stimmt vieles nicht an dem Bild vom bösen Schwedt, das angeblich seinen guten Ausländerbeauftragten vergraulte. Es ist einfach, nachzuweisen, was in manchen Berichten schlicht falsch ist. Dass er nie studiert hat, kein Sozialarbeiter ist. Dass Frau Alberto nicht mehr seine Frau war, dass er sich nachts sehr wohl auf die Straße traute als gern gesehener Gast von Feiern. Dass er doch viele schützende Hände in Schwedt hatte. Und dass manche Tür berechtigterweise zufiel, weil er als Mann in einem Frauenhaus nichts zu suchen oder als Ehrenamtler keine Befugnisse in der staatlichen Ausländerbehörde hat. Alle Befragte, Fußballer, Politiker, Boxer, Nachbarn, Freunde haben dennoch immer betont: Auch wenn sie enttäuscht sind, dreckige Wäsche wollen sie in der Öffentlichkeit nicht waschen. Sie nicht.
Was war der wirkliche Grund Schwedt zu verlassen und so nachzutreten? Ibraimo Alberto war einer von 5000 arbeitslosen Deutschen in Schwedt, die unzufrieden damit sind, nicht gebraucht zu werden. Die lieber für Arbeit Geld verdienen und damit Selbstachtung und Stolz, als vom Amt Hartz IV. Für das Ehrenamt engagierte sich Ibraimo Alberto bis an die Grenzen. Allein 2011 absolvierte er 56 Dienstreisen. Er stand gern für Schwedt im Rampenlicht. Repräsentierte die Stadt. Erst als Boxer. Später als Afrika-Aufklärer, Trommler. Zuletzt als Beauftragter für Ausländer. Irgendwann fühle er sich als Freiwilliger, dessen Aufwandsentschädigung auch noch vom Hartz IV abgezogen wird, nur mehr ausgenutzt.
Mit dem Job im Uni-Kindergarten Karlsruhe klappte es übrigens wegen seiner fehlenden Qualifikation nicht. Dafür hat er seit voriger Woche eine Anstellung als Fahrer und Betreuer von Behinderten.