Sie fühlen sich nicht mehr sicher in ihrer Straße und fordern Tempo 30, Verkehrskontrollen, Asphalt statt Pflaster als Straßenbelag, Einengungen zurückzubauen und mehr freie Sicht und Platz an den Ausfahrten. Was klingt wie der Aufschrei eines Dorfes, durch das eine Bundesstraße führt, betrifft eine normale Straße mitten in Schwedt.
Wenn in der Helbigstraße Lkw entlang fahren, vibrieren in den Häusern die Betten und Schränke, Gläser in Vitrinen scheppern und bewegen sich dabei langsam vom Fleck. Fast jedes zweite Auto fährt mit Blick auf die freie Ortsausfahrt zur Vierradener Chaussee zu schnell durch das Wohngebiet. Pflasterstreifen auf der Straße verstärken das Reifenabrollgeräusch dabei an einigen Stellen zusätzlich. Wenn Anlieger auf ihr Grundstück fahren oder wieder auf die Straße auffahren wollen, sind sie ein Hindernis im Verkehrsfluss, was sie auch mit Hupkonzerten und wütenden Gesten der Vorbeifahrenden zu spüren bekommen.

Stadt sieht andere Straßen als dringlicher

Das alles haben Anwohner bei einem Vor-Ort-Termin mit Bauamtsleiter Thomas Ziesche geschildert. Der hebt so ziemlich hilflos die Schultern. Der Ersatz der gepflasterten Bereiche, die Ende der 90-er Jahre mit dem Ziel der Verkehrsberuhigung eingebaut wurden, sei kein Pappenstiel, so Ziesche. „Das sind etwa 600 Quadratmeter Fläche, das kostet viele zehntausend Euro. Und ich bin ehrlich zu Ihnen: Es gibt in Schwedt viele Straßen, die deutlich schlechter und viel lauter sind als ihre.“
Ihre Straße vor der Haustür nervt die Anwohner so sehr, dass sie sich deshalb schon mit mehreren Schreiben an die Stadt gewandt haben, zuletzt mit einer Bitte an Bürgermeister Jürgen Polzehl, sich von der Dringlichkeit der Sache selbst vor Ort zu überzeugen. Der schickte zumindest seinen Bauamtsleiter. Mehr als 20 Anwohner stehen dem letztlich gegenüber, als er erklärt, dass er auch in Sachen Geschwindigkeitsbegrenzung nichts machen kann. „Wenn es eine Anordnung gibt, das Tempo auf 30 zu drosseln, dann verspreche ich ihnen, stellen unsere Mitarbeiter die Schilder innerhalb von einem Tag auf“, sagte Ziesche, die Entscheidung darüber treffe jedoch nicht ich, sondern die Straßenverkehrsbehörde. Dafür bin ich der falsche Mann.“

Tempo 30 könne doch nicht so schwer sein

„Das kann doch nicht so schwer sein, hier Tempo 30 einzurichten“, entgegnete ihm Rentnerin Edda Lemke, die genau vor dem Pflasterstreifen ihr Haus hat. Doch Ziesche machte ihr wenig Hoffnung. Dafür brauche es zum Beispiel Lärmgutachten und gute Argumente.
Otto Siegling, der den Protest der Anwohner in der Helbigstraße organisiert hatte, erinnert daran, dass sie als Anlieger „den Mist“ vor ihren Grundstücken in den 90ern sogar mitfinanzieren mussten, weil angeblich nur die Einstufung als Sammelstraße mit Anliegerbeiträgen damals der Stadt die Aussicht auf Fördermittel gab. „Damals hatte man uns erzählt, dass die Autofahrer schon langsam fahren würden, wenn sie auf die Pflasterabschnitte kommen. Wir haben damals schon gesagt, dass das Blödsinn ist“, wiederholte Siegling.

Anwohner wollen nicht locker lassen

Er will mit der Forderung nach einer leiseren und verkehrsberuhigten Straße nicht locker lassen, notfalls sogar vor die Stadtverordneten ziehen. „Der Zustand ist unmöglich und das darf nicht so bleiben“, sagt er. Vier Unfälle habe es in dem Bereich bereits gegeben, außerdem sei eine Straßenlaterne umgefahren worden und wie zum Beweis für die Gefährdung hebt er einen abgefahrenen Autospiegel vom Gehweg auf, der von einer Begegnung zweier Autos an dem eingeengten Straßenabschnitt stammt.
„Sicher, heute würden wir die Straße so nicht mehr bauen“, räumt Thomas Ziesche ein. Geholfen ist den Anwohnern aber jedoch nicht.