Für einen kleinen Moment war das ganze Diskutieren über die große Politik hinfällig, die Frage, ob Putin die Krim zurecht annektiert hat, ob Nato und USA mit ihrer Ausdehnung nach Osten den Konflikt provozierten, nebensächlich. Einige der zirka 30 Besucher, die der Einladung zur Veranstaltung der Schwedter Linken am Sonnabend gefolgt waren, weinten lautlos angesichts der schockierenden Fotos.
Es wurde nicht erträglicher, als Oleg Musyka davon berichtete, was er hautnah miterlebt hatte: Wie er durch das verrauchte Gebäude irrt und auf der Suche nach seinem jüngeren Bruder die Leichen umdreht. "In dieser Nacht musste man sich nicht vor den Toten fürchten, sondern vor den Lebenden." Deshalb wagt er nicht, über die Feuerwehrleiter nach draußen zu klettern, weil er befürchtet, unten von den Gegnern erschlagen zu werden.
Die Berichte über diesen Tag, den Moskau das "Massaker von Odessa" nennt, sind widersprüchlich. Oleg Musyka reist seit Monaten durch Europa, um seine Version zu erzählen. Als Mitglied der Partei "Rodina" (Heimat) organisierte er das Zeltlager mit, das seit März mit Aktionen für die Annäherung an Russland warb. Oleg Musyka wirft der Polizei vor, nicht eingegriffen und nur die Opfer verhaftet zu haben. Er nennt die Kiew-Anhänger "Nazis", umgekehrt bezeichnen diese die Rodina-Anhänger als russische Nationalisten. Einige von Oleg Musykas Veranstaltungen in Deutschland sind wegen seiner politischen Einstellung sogar abgesagt worden.
In Schwedt fällt der Name seiner Partei nicht. "Wir möchten nur, dass ehrlich Gericht gehalten wird", sagt Oleg Musyka. Das fordert auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, und zwar von unabhängigen Experten. Zuvor hatte Brigitte Queck vom Verein "Mütter gegen den Krieg Berlin-Brandenburg" aus ihrem Buch "Die Ukraine im Fokus der Nato. Russland - das eigentliche Ziel" gelesen. Darin schreibt sie unter Berufung auf Interviews, Internetquellen, Zeitungen wie "Junge Welt" und die staatliche russische Nachrichtenagentur RIA Novosti, dass die Nato den Ukraine-Konflikt von langer Hand als Aggressionskrieg vorbereitetet habe.
"Es geht um Russland, das als einziges Land den Weltherrschaftsansprüchen der USA widerstehen kann", sagt sie und bekannte sich klar zur Politik Putins. Rückhaltlos zustimmen konnte die Zuhörerschaft am Ende dem Fazit der Organisatorin Christa Dannehl von den Linken: "Wie soll man für sich dieses Knäuel entwirren? Deshalb können wir uns vielleicht auf den einfachen Konsens einigen: Nie wieder Krieg."