Herr Vogel, wann wurde Schwedt von der Roten Armee besetzt, wann endete hier der Krieg?
Es ist die Nacht vom 25. zum 26. April 1945. Die Stadt ist kampflos von der Roten Armee besetzt worden.  Die deutschen Truppen hatten sie in der Nacht zuvor geräumt. Die sowjetischen Truppen sind an den Flanken durchgebrochen.
Es gibt eine sowjetische Meldung, die behauptet, Schwedt sei am 26. April morgens innerhalb einer Stunde kämpfend erobert worden. Dies entspricht aber nicht der Wahrheit, die Eroberung, noch dazu einer stark zerstörten Stadt dieser Größe, hätte bei Widerstand wesentlich länger gedauert. Man kann nur vermuten, warum dies gemeldet wurde, wahrscheinlich sollte die Besetzung von Schwedt "heldenhafter" klingen, vielleicht auch das Nichtbemerken des deutschen Rückzuges verschleiert werden.
Aus welcher Richtung ist die Rote Armee damals einmarschiert?
Sie kam über die Schlosswiesenpolder. Als sie am Morgen dann gemerkt hatte, dass die Deutschen ihre Stellung geräumt hatten,  überquerten sie mit Booten die Oder. Die ersten Rotarmisten erreichten Schwedt am ehemaligen Schlachthof.
Wie lange hatte da der Kampf um Schwedt schon gedauert?
Die ersten Truppen waren am 5. Februar am Schwedter Brückenkopf  aufgeschlagen.
Wie hoch  wurden die Verluste auf beiden Seiten innerhalb des Kampfes um Schwedt geschätzt?
Hier liegen leider keine genauen Zahlen vor. Die bei Schwedt angreifende 49. Armee war eine von drei Armeen der 2. Weißrussischen Front, die ab 20. April zwischen Schwedt und Stettin angriffen. Nach den vorliegenden russischen Angaben war die 49. Armee etwa 60 000 bis sogar 70 000 Mann stark, davon etwa die Hälfte Kampftruppe, ein Fünftel bis ein Viertel davon wurde, nach Schätzungen allerdings, getötet bzw. verwundet. Im Laufe der Berliner Operation bis zu 20 000 Mann.
Auf deutscher Seite soll jeder zweite Soldat getötet oder verwundet worden sein. Die Zahl der Opfer unter der Zivilbevölkerung ist jedoch unbekannt.
Eine Tagebuchaufzeichnung berichtet, dass im März 1945, während einer Beerdigung von Kriegstoten,  eine Artilleriegranate auf dem Friedhof einschlug und Trauergäste tötete. Das ist einfach nur tragisch.  Plünderer wurden mit dem Tode bestraft, aufgehängt. Sie durften in standesamtlichen  Listen nicht erfasst werden.
Wie viel Schwedter waren noch da, als der schwere Artilleriebeschuss begann?
Es gibt widersprüchliche Angaben. 400 bis 500 Menschen sollen hier noch gelebt haben, die in den Feuerpausen rund den 20. April herum flüchteten.  An diesem Tag begann das Trommelfeuer aus 1200 Kanonen.  Das verraten uns Fundstücke wie Katjuscha-Reste und zentnerschwere Haubitzengranaten, verteilt über das ganze Stadtgebiet. Der Krieg hat eine Schneise durch Schwedt geschlagen.
Wie würden sie die Situation der Stadtbevölkerung in den ersten Nachkriegstagen beschreiben?
Wir kramen uns gerade durch die Dokumente im Stadtarchiv. Von Hunger, Angst, Krankheiten sowie Vergewaltigungen wird da berichtet, von Brandschatzungen und Todesfällen.  Die Wohnungsnot war groß.
Was gab es damals zu essen?
In der ersten Zeit wurde gehungert. Später baute die Rote Armee die Versorgung mit Lebensmitteln auf. Zuerst wurden Bäckereien in Gang gebracht für die sowjetischen Soldaten. Später wurde die Bevölkerung mit versorgt. Die Rationen waren geringer als die letzte, magere deutschen Kriegsration.  Bei der Zuteilung wurde nach Schwerarbeitern, Normalarbeitern und Schülern unterschieden.  Es gab anfangs auf Marken um die 340 Gramm Brot pro Tag. Marken bekam nur, wer arbeitete.
Der Winter 1945/46 war sehr hart. Wie wirkte sich das auf die Menschen hier aus?
Mangelernährung und sehr schlechte hygienische Bedingungen  machten die ohnehin geschwächten Menschen noch anfälliger für Krankheiten.  Es gab bis zu 20 Tote pro Tag durch Typhus.
Wie stark sind die Beben des vor 75 Jahren beendeten Zweiten Weltkrieges in der Gegenwart zu spüren?
Kampfmittelräumer wie ich müssen das tödliche Erbe des Krieges bis zum heutigen Tag entsorgen.  Es werden bis heute Leichen von Kriegstoten geborgen und  umgebettet. Der Volksbund sammelt immer noch, um die Erinnerung an den furchtbaren Krieg und seine Opfer wach zu halten.
Die psychologischen Wunden, die dieser Krieg bei der Erlebnis-Generation geschlagen hat, können wir nicht mehr nachvollziehen, viele sind bis heute nicht geheilt.
Von welchen Wunden sprechen Sie hier, welchen Auswirkungen?
Beziehungen zerbrachen daran. Heute sprechen wir, wenn Soldaten aus Kriegsgebieten heimkehren, von posttraumatischen Belastungsstörungen.  Davon waren vor 75 Jahren Hunderttausende, ja Millionen von Menschen betroffen.  Sie mussten ohne Psychologen klar kommen. Sie durften zu DDR-Zeiten nicht öffentlich darüber reden oder schreiben.
Ich kenne Zeitzeugen, die sich gefreut haben, jetzt darüber zu reden. Sie wollen das aber nie wieder tun. Es bereitet ihnen Albträume und raubt ihnen den Schlaf.
*André Vogel ist Hobby-Historiker  und Einsatzleiter Nord des Kampfmittelbeseitungsdienstes in Brandenburg.