Der Zug der Niederbarnimer Eisenbahn um 13.18 Uhr stoppt gewöhnlich nicht zu dieser Zeit in Obersdorf. An diesem Freitag hält der Zug, der im Zwei-Stunden-Takt den Halt bedient, eigens für das Bahnhofsfest. Mitglieder der Bürgerinitiativen aus Obersdorf, Hermersdorf, Alt Rosenthal und Trebnitz strömen aus dem Wagen. Mit Sprechchören und Trillerpfeifen fordern sie "Stundenhalt für alle".
Als vor gut eineinhalb Jahren laut wurde, dass kleine Bahnhöfe mit weniger als 50 Nutzern am Tag ihren Halt verlieren könnten, formierte sich in den Orten der Protest. "Die Debatten, die seitdem geführt wurden, sehe ich keinesfalls negativ", sagt Landrat Gernot Schmidt. Sie würden bestätigen, wofür die Akteure vor sieben Jahren noch belächelt wurden. Damals habe der Kreis die Interessengemeinschaft Ostbahn aktiv unterstützt, um die Strecke wieder aufzuwerten. Täglich habe es 3000 Nutzer gegeben, heute seien es 10 000. Keine andere Bahnlinie im Land könne solche Zuwachsraten vorweisen.
Dieser Erfolg bringe neue Aufgaben. Der Kreis habe die Bahnhofumfeldgestaltungen ebenso mit finanziert wie die Schaffung eines Radwegenetzes, das an die Bahnhöfe anbindet. Jetzt müssten Politik und Bahnbetreiber mit dieser Entwicklung Schritt halten und mehr Kapazitäten schaffen, damit die Strecke attraktiv bleibt. Bezüglich des Stundentaktes müsse man abwägen. Es gehe auch um Geschwindigkeit. Pendler wollten schnell in Berlin sein. Sämtliche Haltepunkte seien jedoch gesichert. Zudem würde man an der Weiterentwicklung arbeiten. Dazu gehöre das touristische Leitsystem, das an diesem Tag symbolisch eingeweiht wird.
Auf deutscher und polnischer Seite wird es an 30 Stationen installiert. Bis auf Restarbeiten sind die Stelen auf deutscher Seite aufgebaut. Sie informieren über die Geschichte der Bahn sowie über die wichtigsten Ausflugsziele. 772 000 Euro kostet das Projekt, wobei 500 000 Euro auf deutscher Seite investiert wurden. 85 Prozent zahlt die EU, den Eigenanteil auf deutscher Seite der Kreis. Die hohe Summe ergebe sich auch aus der langen Vorbereitung, heißt es. Mehr als 400 Bilder wurden ausgewählt, in allen Kommunen musste zur Geschichte und zum Umfeld recherchiert werden. Das Berliner Unternehmen Ecke-Design hat die Tafeln gestaltet. Die Müncheberger Firma TSU montierte 20 witterungsbeständige Stelen an 16 Haltepunkten. Sie sind vor allem ein Angebot für die Ausflügler. Der Berliner Stadtrat Christian Gräf verweist auf die Bedeutung der Bahn für die Hauptstädter. Rund eine halbe Million Ausflügler zieht es jährlich ins Umland, auch mit der Ostbahn.
Ihr Bestand steht inzwischen außer Frage. Dass das Bahnhofsfest in Obersdorf gefeiert wird, sehe er als Anerkennung des Engagements der Bürger im Dorf, sagt Ortsvorsteher Dieter Behrendt. "Und als Verpflichtung, nicht nachzulassen, denn die Bahn soll auch Gäste bringen, für die Jugendherberge, für den Campingplatz, für den sanften Tourismus überhaupt." Frank Thum von der Bürgerinitiative bringt es auf den Punkt: "Die Ostbahn ist unsere Lebensader." Die Kita-Kinder mit ihrem T-Shirt "65 Jahre Bahnhof Obersdorf" machen deutlich, dass es bei allen Infrastrukturvorhaben auch um ihre Zukunft geht. Nur gute Bus-, Bahn- und Straßenverbindungen können sie in der Region halten und neue Bewohner locken. Dafür singen und spielen sie, ebenso wie die Gäste aus Witnica oder der Golzower Chor. Und während gefeiert wird, donnert die Ostbahn im regelmäßigen Takt am Festgelände vorbei.