Dieter Schäfer mag die Geschichte und erzählt sie gern immer wieder. In Wriezen ist die älteste Teilnehmerin an einem der Kurse zur Sturzpävention 101 Jahre alt. Zu Beginn sei sie im Rollstuhl gekommen, habe dann sehr ehrgeizig Sitzübungen mitgemacht und dabei auch darauf geachtet, das die anderen ordentlich mitturnen. Inzwischen kommt sie mit dem Rollator, hat ein Stück Lebensqualität gewonnen, weil sie sich wieder beweglicher fühlt.
"Natürlich spielt mitunter auch der psychische Faktor eine Rolle", weiß Schäfer. Die Bewegung in Gemeinschaft motiviere, wecke den persönlichen Ehrgeiz. Doch unbenommen und medizinisch nachgewiesen sei, dass regelmäßige Übungen zur Kräftigung der Muskulatur beitragen. Die Betreffenden würden sich wieder sicherer bewegen, hätten weniger Angst vor Stürzen.
Die bleiben im Alter leider nicht aus. Mitunter sei es eben die Teppichkante, die der Betreffende aufgrund von Sehschwäche nicht mehr wahrnimmt. Kleine Stolperer können für ältere Menschen verheerende Wirkungen haben. Lange Krankheitsverläufe mit hohem Pflegeaufwand sind die Folge.
In einem Modellprojekt mit Förderung des Bundesgesundheitsministeriums war von 1998 bis 2002 in Ulm die Sturzprävention aus der Taufe gehoben worden. Die Ergebnisse überzeugten vor allem die AOK. Die Krankenkasse ist wichtiger Partner im kreislichen Projekt, das in seiner Umsetzung ein Alleinstellungsmerkmal im Land habe, wie Amtsarzt Steffen Hampel im Gesundheitsausschuss betonte. In Nauen gebe es ein Projekt, das aber nur auf die Stadt beschränkt sei. "Was in Märkisch-Oderland erreicht wurde, ist einmalig in Brandenburg", so Hampel.
Nur Dank des Kreissportbundes mit seinem beispielhaften Breitensportnetz in Märkisch-Oderland konnte binnen kurzer Zeit die Gruppenarbeit in einem Umfang aufgenommen werden, der selbst die Initiatoren überraschte. Nachdem der Anfang getan war und darüber berichtet wurde, entwickelte sich die Sturzprävention zu einem Selbstläufer. Ursprünglich war das Projekt auf den Raum zwischen Bad Freienwalde und Letschin beschränkt. Nur fünf Gruppen sollten gebildet werden.
"Aber von überall kamen Anfragen", berichtete Schäfer. Und es gab Unverständnis, warum man im Raum Lebus oder Altlandsberg nicht auch solche Angebote für ältere Menschen schaffen könnte. Gemeinsam mit den Kooperationspartnern AOK und Landkreis sowie im Zusammenwirken mit der Rheuma-Liga baute der KSB weitere Gruppen auf. Sie werden von Übungsleitern, die über eine Reha- und Breitensportlizenz verfügen, betreut. Es gehe nicht um jene Senioren, die selbst noch in Vereinen aktiven Sport treiben, unterstrich Schäfer, sondern um jene, die keinerlei sportliche Bewegung mehr ausüben. In den Kursen gibt es Gleichgewichts- und Standsicherheitsübungen - zum Beispiel mit Fuß- oder Armmanschetten.
Gruppen gibt es mittlerweile in Wriezen, Bad Freienwalde, Letschin, Falkenberg, Ortwig, Reitwein, Strausberg, Neuenhagen, Seelow, Eggersdorf und Rüdersdorf. Ob neue entstehen, hänge vor allem von den handelnden Personen vor Ort ab, so die Erfahrung des KSB. Wo Kommunalpolitiker überzeugt sind, würden auch Räume gefunden, um die Kurse anbieten zu können. Das müssten keinesfalls Turnhallen sein. Der KSB bietet sie derzeit vor allem auch in Senioreneinrichtungen an. Die Teilnahme ist unabhängig von der Mitgliederschaft in einer Krankenkasse und kostenfrei.
"Ein gelungenes Projekt, für das man dem Kreissportbund nur danken kann", resümierte Hannelore Kaul (SPD). Damit würde die Lebensqualität vieler älterer Menschen verbessert. Der Vorsitzende des Kreisseniorenbeirates, Dr. Werner Stephan, regte an, in einer der nächsten Beratungen seines Gremiums über das Projekt zu berichten. Der Bedarf sei zweifellos auch außerhalb von Senioreneinrichtungen groß.
25 000 Euro sind im Kreishaushalt im Bereich Gesundheitswesen eingeplant, um die Kurse 2016 finanzieren zu können. Jana Rathmann (Linke) regte an, für die Finanzierung auch andere Krankenkassen zu gewinnen. Der Vorteil des Projektes liege offensichtlich auf der Hand. Dieter Schäfer erklärte, dass mit den 2016 zur Verfügung stehenden Mitteln sowie dem vom KSB gesicherten Eigenanteil, den Zuschüssen der AOK und Spenden bis zu 30 Gruppen im Kreis möglich wären. Dann käme man allerdings innerhalb des Kreissportbundes ans personelle Limit, da eben nur ausgebildete Übungsleiter solche Kurse durchführen dürfen.
Infos beim Kreissportbund, Tel. 03346 852520