Gerhard Rösicke wird die Tage und Wochen Anfang 1945 nie vergessen. "Ohne Rücksicht auf die Bevölkerung beschoss und bombardierte die Wehrmacht unsere Wohnstätten", erinnert sich der Zeitzeuge. Die Zivilbevölkerung sei dann über die Oder Richtung Osten evakuiert worden. Als Kind habe er mit seinem Bruder bei dieser Flucht Schreckliches erlebt - Hunger, Tod, Vergewaltigungen. Seine Mutter überlebte all das nicht. Sie wurde in einem Massengrab in Landsberg (heute Gorzow) bestattet. Rösickes Erinnerungen sind auf einer der drei Tafeln festgehalten, die seit dem Wochenende in der Kienitzer Kirche stehen. Auch die Erinnerungen von Käthe Dumke, Fritz Tetzlaff, Heinrich Schulz, Martin Walter und Josef Krichel. Die drei Letzteren erlebten den Krieg im Oderland als Angehörige der Wehrmacht. Martin Walter verdankt sein Überleben wohl seiner Verwundung. Er diente im Wachregiment Großdeutschland, erlitt einen Lungendurchschuss, wurde in einem Rübenkeller bei Sydowswiese zunächst provisorisch versorgt und kam dann zum Verbandsplatz Neuhardenberg.
Akribisch haben Mitglieder des Geschichts- und Heimatvereins Gusow-Platkow für verschiedene Stationen im Oderland Zeitzeugen befragt und deren Berichte in den Kontext der damaligen militärischen Ereignisse gestellt. "Unser Anspruch ist es, nicht nur die örtliche, sondern auch die regionale Geschichte aufzuarbeiten", erklärte Vereinsvorsitzender Thomas Drewing den Hintergrund. Den inhaltlichen Hauptteil übernahm Andreas Köpp. Die Idee für die Ausstellung sei bereits 2011 entstanden, berichtete Köpp zur Eröffnung. Mehrmals habe der Verein das Konzept ändern müssen, vor allem wegen der Finanzierung. So musste das Vorhaben verworfen werden, an 30 Orten an die Hölle des Oderlandes zu erinnern. Geblieben sind sechs Orte. "Die Ausstellung wächst von Station zu Station", erklärte Köpp, der den Ortschronisten und der Sparkassenstiftung für die Unterstützung dankte.
In allen Orten wird es Tafeln mit Zeitzeugenberichten und der Schilderung der Ereignisse in der jeweiligen Region geben. Nächste Station ist Podelzig, wo die Ausstellung am 7. März im Gemeindezentrum öffnet. Es folgt Seelow. Zum 70. Jahrestag der Schlacht um die Seelower Höhen wird es eine zentrale Gedenkveranstaltung geben. Aus diesem Anlass sind dann auch alle sechs Ausstellungsteile für einen Tag vereint. Dazu gehören auch jene, die nach dem 16. April folgen. Am 19. April ist die Ausstellungseröffnung in Müncheberg geplant, am 8. Mai im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst.
Die zum Abschluss am 17. Mai im Museum Platkow geplante Schau zeigt zudem Tafeln, die die Wochen und Monate unmittelbar nach dem Krieg beleuchten. "Von Platkow aus geht an alle Ausstellungsorte im Anschluss jeweils eine Tafel", erklärte Andreas Köpp. Der Gusower beschäftigt sich seit Jahren mit der Geschichte des Krieges im Oderland, hat viel Herzblut in die Vorbereitung der Schau gesteckt. Er fand Partner in Ortschronisten, wie in Kienitz Edgar Petrick. Bis zum Herbst werden die Tafeln in den sechs Orten zu sehen sein.
Akteure vor Ort sichern die Zugänglichkeit. In Kienitz beginnt Ostern die neue Saison im Café "Zwischen Himmel und Erde" in der Kirche. Bis dahin, so versichert Pfarrer Frank Schneider, werde man in der Kirchengemeinde eine Möglichkeit finden, dass Interessierte die Ausstellung schon jetzt besuchen können. Ende des Jahres kehrt die Schau komplett zum Geschichts- und Heimatverein zurück. Da der die Räume in der alten Schule in Platkow nicht mehr für öffentliche Ausstellungen nutzen darf - dafür müsste umfassend in das Gebäude investiert werden, wofür der Gemeinde als Eigentümer das Geld fehlt - ist die künftige Präsentation noch ungewiss.
Ausstellung "Oderland war abgebrannt", Kirche Kienitz, Infos im Internet unter www.museumplatkow.de