Kurz nach 6 Uhr biegen die ersten Traktoren auf den großen Parkplatz des Seelower Einkaufzentrums ein. Neun Polizeiwagen stehen dort bereit, notieren die Kennzeichen. Und es werden immer mehr. Sie kommen nicht nur aus Region rund um Seelow, sondern auch aus Frankfurt, Jacobsdorf und anderen Betrieben des Nachbarkreises. Streckenführer Falk Zickerick vom gleichamigen Familienbetrieb aus Groß Neuendorf verteilt Aufkleber und Plakate, mit denen die Fahrzeuge dekoriert werden. Landwirte aller Strukturformen haben sich über die sozialen Netzwerke verabredet. Auf fünf Routen machen sie sich auf Richtung Berlin.

Kampf um ganzen Berufsstand

Zum ersten Mal findet eine ausschließlich von der Basis organisierte Aktion statt. "Wir ändern heute nichts mit der Demo, aber wir wollen erreichen, dass wir gehört werden", sagt Marnix van Damme, Milchbauer aus Platkow. "Das ganze Agrarpaket ist eine Fehlentscheidung, gefährdet unsere Zukunft."  Matthias Dosemann aus Booßen spricht aus, was viele verärgert und sie bewog, dabei zu sein: "Egal ob Fleisch, Milch oder andere Lebensmittel. Die werden von Landwirten produziert, von uns."  Es sei nicht mehr hinnehmbar, dass alle möglichen Leute, vor allem Nichtregierungsorganisationen (NGO), über Naturschutz, Umwelt und Tierwohl reden, aber die Bauern dabei nicht gehört werden, sieht es Klaus Hildebrandt aus Letschin. "Wir wollen heute zeigen, dass diese Landwirte ein Gesicht haben." Natürlich gebe es auch schwarze Schafe unter dem Berufsstand, so wie in allen Branchen. Doch sowie Verstöße bekannt werden, stünden sie tagelang als Skandalmeldungen ganz obenan bei den Medien, werde gleich der ganze Berufsstand in Mithaftung genommen. Von der Verunsicherung der Verbraucher ganz zu schweigen. Dabei würden die Bauern für volle Regale in Supermärkten sorgen, sei die Lebensmittelversorgung das ganze Jahr über ganz selbstverständlich gesichert.
Kurz vor 7 Uhr haben sich gut 38 Traktoren aufgereiht. Eine imposante Kulisse. Es ist ein Bruchteil der Gefährte der Landwirtschaftsunternehmen, die die Bestellung, Ernte und Tierversorgung sichern. Auch Werner Zellmer aus Wulkow bei Trebnitz ist dabei. "Ich habe mein Leben lang in der Landwirtschaft gearbeitet", erzählt er. "Es gab ja schon öfter Demos, aber dann war ich auf den Feldern im Einsatz. Jetzt als Rentner kann ich  mal dabei sein. Respekt für die, dass sie das auf die Beine gestellt haben." Angesichts der Flotte entscheidet Polizei-Einsatzleiter Jörg Ress, dass in Rüdersdorf-Tasdorf nicht, wie geplant, die B 1 verlassen wird. Die dort wartenden Traktoren müssen sich dem Konvoi nahtlos anschließen. Allein der Trupp, der sich kurz nach 7 Uhr von Seelow mit lautem Hupkonzert  aufmacht, ist gut einen Kilometer lang, wird  auf der Strecke immer länger.

Lange Staus hinter dem Konvoi

Hinter dem Tross bildete sich zwischenzeitlich in  Hoppegarten ein Stau, weil die Polizei den stadteinwärts führenden Verkehr am Neuen Hönower Weg ableitete. Und der ist im Gegensatz zur B 1/5 nur einspurig. Einige Kraftfahrer hatten von der Aktion nichts mitbekommen und wunderten sich über die Behinderungen auf der Strecke. Gegen Mittag erklärte die Polizei die Aktion in Berlin an der Siegessäule für beendet. Auch auf der Rücktour kam es durch die Traktoren am Nachmittag zu Stockungen. Die Bauernverbände Märkisch-Oderland und Oder-Spree hatten für die Teilnehmer zig Verpflegungsbeutel gepackt und literweise Kaffee-Thermoskannen gefüllt – "als moralische Unterstützung", so Ines Sennewald vom Bauernverband MOL.