Auch 75 Jahre nach Kriegsende liegt noch viel Munition in der Erde des Oderlandes. Im Zuge der Bauarbeiten für den Park-&-Ride-Platz auf dem einstigen Güterbahnhof Küstrin-Kietz ist am Freitagnachmittag eine deutsche 50-kg-Fliegerbombe mit sowjetischen Verzögerungszünder entschärft worden. Die Bombe lag an der Rampe, an der viele Jahre auch schwere Panzer- und Erntetechnik verladen wurde.
Warum der Blindgänger nicht schon längst hochgegangen war, konnte Matthias Metke nach erfolgreicher Entschärfung auch nicht sagen. Die Fliegerbombe war der Roten Armee 1945 als Beutegut in die Hände gefallen und mit einem Zünder russischer Bauart scharf gemacht worden. Der Zünder war so eingestellt, dass er die Detonation erst 19 Sekunden nach dem Aufprall auslösen sollte, um größtmögliche Zerstörung anzurichten.
Fliegerbombe an der Küstrin-Kietzer Verladerampe entschärft

Bildergalerie Fliegerbombe an der Küstrin-Kietzer Verladerampe entschärft

Donnerknall am Nachmittag

Als der Zünder am Freitag um 14.50 Uhr gesprengt wurde, durchhallte ein Donnerknall das Zentrum von Küstrin-Kietz. So laut hatten dies die Einsatzkräfte des Amtes Golzow, der Feuerwehren von Küstrin-Kietz, Gorgast, Bleyen, Genschmar und Golzow sowie die Einwohner, die ihre Häuser verlassen mussten, nicht vermutet.
Bereits am Donnerstagabend hatten Robert Trenkel und seine Mitarbeiter vom Ordnungsamt Golzow die Fahrzeuge am Bahnhofsplatz und die betroffenen rund 60 Anwohner am Rosendamm und in der Karl-Marx-Straße auf die Einrichtung des 300-Meter-Sperrkreises rund um die Laderampe des Bahnhofs hingewiesen. Die Infozettel waren extra in Deutsch und Polnisch verfasst. Und weil der Bahnhof besonders stark von polnischen Pendlern frequentiert wird, war das Ordnungsamt auch am Freitagmorgen bereits frühzeitig unterwegs. Trotzdem waren einige polnische Fahrzeuge im Sperrkreis stehengeblieben. Auf das Abschleppen hatte das Amt schließlich verzichtet. Im Falle einer größeren Explosion wären sie wohl beschädigt worden. Denn unmittelbar im Sperrkreis befand sich auch die Dieseltankstelle für die Dieselloks der NEB: der größte Gefahrenpunkt in dem Bereich. Robert Wilke vom Landesamt für Arbeitsschutz aus Eberswalde beobachtete die Einhaltung aller Sicherheitsvorschriften bei der Entschärfung. "Das ist immer eine besondere Situation", erklärte er.
Matthias Metke strahlte vor der Entschärfung große Ruhe aus. Er wies die Einsatzkräfte ein, die ausschwärmten, um die Einwohner zu benachrichtigen und die Straßen abzusperren. Nur etwa 15 Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen. Die anderen durften nur nicht auf die Straße im Sperrkreis gehen. Und doch sammelten sich einige Küstrin-Kietzer auf dem Platz hinter der Feuerwehr. Wie Ralf Stinsky mit seiner Familie. "Ich bin hier in der Karl-Marx-Straße aufgewachsen. Aber so eine Entschärfung mit Evakuierung habe ich noch nicht miterlebt", erzählte er. Enkel Finn Müller war ebenso neugierig.

Erinnerungen wachgerufen

Auch Günter Sigmund kam zum Sammelplatz. Er ist 1953 in Kietz geboren und hat einiges miterlebt. So auch die Entschärfung einer 250-kg-Bombe in der Kietzer Feldstraße, wo sein Vater eine Bäckerei hatte. "Die russischen Streitkräfte hatten dort eine Wasserleitung für ihre Chemiekaserne gebaut. Dabei kam die Bombe zum Vorschein", erinnerte er sich. Viele mussten ihre Häuser damals verlassen, erzählte der ehemalige Bahn-Mitarbeiter, der viele Jahre als Wagenmeister auf dem Grenzbahnhof gearbeitet hat.