"Gute Reise" und "komm' wieder" wünscht Julia "ihrem" kleinen Stör, als sie ihn am späten Mittwochvormittag in den Fluss setzt. Einer der 38 Burgschüler nach dem anderen bekommt als Stör-Pate sein Fischlein von Jörn Geßner in einer Plastikschüssel zum Aussetzen übergeben. Eilig notieren sich die Fünftklässler die Nummern ihrer Fische mit dem Kuli auf dem Arm, um sie nicht zu vergessen. Die Jungfische haben winzige, gelbe Nummernschildchen vor der Schwanzflosse eingesetzt bekommen. Die meisten Burgschüler haben ihr Fischlein zudem spontan getauft.
"Die Störe waren in der Oder einst heimisch. Doch 1968 wurde der letzte Stör bei Stettin gefangen", hatte Geßner den Fünftklässlern vorm Gang zur Buhne am "Oderblick" noch erklärt. Der Biologe vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei ist der wissenschaftliche Leiter des Projektes "Wanderfisch", das das Bundesforschungsministerium im Wissenschaftsjahr 2016/17 "Meere und Ozeane" fördert.
Die Schüler haben die elf Monate jungen und etwa zehn Zentimeter großen Störe, die in einer Forschungsanstalt auf dem Darß geschlüpft und in einer Teichwirtschaft im Unteren Odertal bei Angermünde in strömendem Oderwasser aufgewachsen sind, auf eine nicht ganz ungefährliche, aber überlebenswichtige Reise geschickt: Etwa 20 Prozent der Jungfische würden Opfer von Raubfischen, wie Zander, Hecht und Wels, weiß Jörn Geßner. In etwa drei Tagen erwartet er die Lebuser Störe auf ihrem Weg Richtung Ostsee im Unteren Odertal. Wie der Biologe hoffen auch die Burgschüler, dass viele ihrer Störe im Meer erwachsen werden und mit 15 Jahren, wenn sie geschlechtsreif sind, zum Laichen in ihr Heimatgewässer, die Oder, zurück kehren.
Die Stör-Paten, also Schulen, werden über das Schicksal "ihrer" Fische auf dem Laufenden gehalten, versichert Wanderfisch-Projektleiterin Bianca Neumann vom Verein BildungsCent. Die Burgschule bekommt eine Liste mit den Nummern der eingesetzten Störe. Sie ist eine von fünf Schulen, die derzeit im Rahmen des Projektes insgesamt 600 junge Störe aussetzen. Am 10. Mai haben das Berliner Grundschüler in Groß Neuendorf getan.
Die Projekt-Initiatoren hoffen, die Kinder für den Schutz der Störe sensibilisieren zu können. Wie nötig das ist, macht Jörn Geßner an einem schlimmen Beispiel deutlich: Im vorigen Jahr sei ein Foto durch die sozialen Netzwerke gegangen, das einen bei Wriezen geangelten, mehr als zwei Meter langen Stör zeigt. Das sei "einer der ersten Rückkehrer, die wir einst ausgesetzt hatten", sagt der darüber zutiefst erschütterte Biologe. Sein Institut versucht übrigens, den Angler zu ermitteln. Ihn würde eine saftige Strafe erwarten. "Wer einen Stör angelt, muss ihn wieder zurück setzen", mahnt Geßner die Kinder, untern denen Angler, wie der elfjährige Arved aus Lebus sind.

Der Stör

¦ Der Baltische Stör ist mit bis zu fünf Metern Länge der größte in Deutschland heimische Wanderfisch. ¦ Die Giganten, die bis zu 120 Jahre alt werden, lebten schon zu Zeiten der Dinosaurier. Heute gehören sie aufgrund Umweltschäden und Überfischung zu den am stärksten bedrohten Fischarten. ¦ Das Leibniz-Institut für Gewässerökologie (IGB), die Gesellschaft zur Rettung des Störs und andere Partner setzen seit zehn Jahren Störe in der Oder aus.