Die Idee zu diesem Buch, das in diesem Jahr im Verlag Neues Leben erschien, habe Gesine Lötsch gehabt, erzählt Marion Heinrich. „Du wolltest doch immer schon ein Buch schreiben“, habe sie sie überredet. Zweieinhalb Jahre habe sie daran geschrieben. Nach der Arbeit, während einer Kur. Manchmal sei das Schreiben unverhofft gebremst worden und manchmal habe sie der Zufall mit neuem Schwung angetrieben. Denn wenn Menschen aus ihrem Leben erzählen, brauche es zuerst Vertrauen dem gegenüber, dem sie sich öffnen, sagt Marion Heinrich, die in Leipzig Journalistik studierte.
Ihre Vorstellung von der Gemeindeschwester sei stark geprägt von „Schwester Agnes“, der legendären DDR-Fernsehfigur aus den 70er Jahren gewesen. Im realen Leben und nach den Gesprächen mit „ihren“ zehn Gemeindeschwestern habe sie festgestellt, dass „Agnes“ viele Entsprechungen und Vorbilder gehabt habe. Die zehn Frauen, deren Leben sie erfragte, seien ganz unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft, Religion und Bildung. So habe sie auch mit Diakonissen gesprochen. Ursprünglich sollten zwei Gemeindeschwestern aus Westdeutschland zu Wort kommen, doch sie habe sehr schnell feststellen müssen, dass sich deren Arbeit von der ihrer Berufskolleginnen in der DDR sehr unterschieden habe.
Drei Schwestern stellte Marion Heinrich in ihrer Lesung in Seelow vor: Regina Nowak aus Droyßig, Tilli Kaiser aus Spreenhagen und Gerta Meyer aus Zingst.
„In Drovßig gab es schon zu DDR-Zeiten eine Hochburg der Zeugen Jehovas, die wollten dieses und jenes nicht“, zitiert sie Regina Nowak. „Deren Kinder feierten keinen Geburtstag, kein Weihnachten und kein Ostern. Sie bekamen keine Zuckertüte zum Schulanfang, und sie sollten auch nicht geimpft werden. Denen habe ich gesagt: Na, wo gibt es denn so was? Wollt ihr, dass sich eure Kinder gegenseitig anstecken? Habt ihr noch nie gesehen, wie schlimm Masern oder Tetanus sein können? Dann bleibt bloß zu Hause, damit ihr keinen anderen ansteckt!“
Resolut waren sie, die Gemeindeschwestern in der DDR, sie hatten eine zupackende Art und sie waren rund um die Uhr für ihre Patienten da. Geregelte Arbeitszeiten kannten sie nicht, genauso wenig wie unlösbare Probleme.
Eigentlich sollte Gerta Meyer anfangs nur eine kranke Kollegin vertreten. „Doch aus der Übergangslösung wurden 27 Jahre. So lange, von 1963 bis 1990, düste sie mit ihrem Moped als Blauer Engel durch das Ostseebad. Noch heute sagt niemand von den alten Zingstern Frau Meyer zu ihr. Sie ist und bleibt Schwester Gerti, enge Vertraute für ihre Chefin genauso wie für ihre Patienten. Solche Engel fallen nicht vom Himmel“, erfährt man über den „Blauen Engel von der Ostsee“.
Zum 1. Januar 1990 wurden 5380 Gemeindeschwesternstationen vor allem in den ländlichen Gebieten der DDR geschlossen. Die Lücke, die „Schwester Agnes“ hinterlassen hat, ist bis heute nicht geschlossen.
Verlag Neues Leben, Berlin, ISBN 978-3-355-01771-8