Im Frühjahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 65. Mal. Im Bombenhagel während der Schlacht um Küstrin und die Seelower Höhen und des Marsches auf Berlin wurden allein in der Seelower Region 28 Kirchen zerstört. In loser Folge stellt das Oderland Echo Gemeinden vor, die Notkirchen schufen, um Gottesdienste feiern zu können: heute Hohenjesar.
"So kann man sich vermehren", sagt Anna Schultz und betrachtet schmunzelnd die Fotos im Album. Sie zeigen sie und ihren Mann zur zur silbernen und goldenen Hochzeit vor der kleinen Kapelle in Hohenjesar mit den drei Kindern, deren Partnern und den sieben Enkeln. 2004 war das letzte große Familienereignis. "Dabei sind wir zum Festgottesdienst nach Niederjesar in die neue Kirche gefahren, doch das Bild sollte vor unserer Kapelle gemacht werden", sagt die 79-Jährige.
Die kleine Kirche auf dem Friedhof in Hohenjesar ist schon so etwas wie die "Familienkapelle" der Schultzes. Anna Schultz schmückt den Altar - im Sommer mit frischen Blumen aus ihrem Garten, im Winter mit getrockneten, sie stellt die elektrische Heizung an und drückt pünktlich jeden Sonntag um 7.45 Uhr den Knopf, damit die Glocken zum katholischen Gottesdienst um 8 Uhr rufen können.
Von der liebevollen Umsicht, mit der sich die rüstige Rentnerin um die Kapelle kümmert, hat auch die evangelische Gemeinde Hohenjesar etwas - auch wenn sie ihren Gottesdienst nur noch alle vier bis fünf Wochen in der Kapelle im heutigen Alt Zeschdorfer Ortsteil feiert. Die Kirchengemeinde Hohenjesar beginnt dann nach den Katholiken ihr Sonntagsgebet.
"Anna Schultz ist die gute Seele unseres Hauses", erkennt Annett Malke vom Gemeindekirchenrat und Vorsitzende des Fördervereins der Freunde der Kirche Hohenjesar dankbar an. "Sie ruft uns nur, wenn sie Hilfe zum Fensterputzen braucht. Deshalb verdient sie einfach mal ein großes öffentliches Dankeschön von unserer Kirchengemeinde."
Die eigentliche Patronatskirche von Hohenjesar, 1721 als barocke Hallenkirche auf den alten Fundamenten erbaut und 1723 fertiggestellt, ist heute wieder eine "Ruine unter Dach" - dank der Aktivitäten des Fördervereins, in dem auch Anna Schultz Mitglied ist. Ein Notdach schützt das Mauerwerk vor zerstörenden Witterungseinflüssen. Auch der Steinfußboden ist bereits wieder instandgesetzt. Dabei wurden die Kirche und ihr Turm im Zweiten Weltkrieg nur durch Einschüsse beschädigt. Am Ende der Kampfhandlungen befand sie sich noch in einem guten Zustand. Das änderte sich in den Nachkriegsjahren schnell, als sie von den neuen, roten Machthabern im Dorf zur Entnahme von Baumaterial freigegeben wurde.
Anna Schultz, die 1947 als junges Mädchen mit ihrer Familie aus dem schlesischen Swiebus nach Hohenjesar kam, kann sich noch gut erinnern, dass das Kirchendach "mit einem mächtigen Krachen" in der Mitte des Schiffs zusammenfiel. Dabei sei bereits von Gemeindegliedern Holz ins Sägewerk für einen neuen Dachstuhl gebracht worden, erzählt sie.
"Wir waren Vertriebene, Flüchtlinge, die vollkommen neu anfangen mussten - mit dem Land, das meine Eltern als Neusiedler erhielten." Nein, heute trauere sie nicht mehr der alten Heimat nach. Eine Cousine sei dort geblieben im heutigen Polen. Sie besuchten sie ab und zu. "Mein Elternhaus steht noch. Als ich es das erste Mal wieder sah, habe ich geweint..."
Anna Schultz ist eine resolute Frau, die sich so leicht nicht unterkriegen lässt. Wenn sie erzählt, dann nicht voller Wehmut, sondern voller Humor. Und wenn sie Sonntagmorgens loszieht, im Sommer mit dem Fahrrad, jetzt im Winter mit den Nordic-Walking-Stöcken als Stütze, glaubt ihr niemand, dass sie bald 80 wird. Sie schippt den Schnee weg, damit alle Besucher des Gottesdienstes sicheren Fußes über den Friedhof zur kleinen Holzkapelle kommen. "Zum Glück haben wir jetzt eine elektrische Heizung und nicht mehr diesen schrecklichen eisernen Ofen, bei dem man vorn schwitzte und hinten bibberte."
Die 1922 erbaute Friedhofskapelle, in der man die Toten aufbahrte, wurde in den 50er Jahren gemeinsamer Treffpunkt für die katholische und evangelische Gemeinde zum Gebet. Friedericke von Burgsdorff, die Gutsherrin von Hohenjesar bis zu ihrem Tod 1934, habe sie von ehemaligen russischen Kriegsgefangenen des Ersten Weltkrieges errichten lassen, weiß Kurt Grzywna. Der Vorsitzende des Heimatvereins "Am Schlosssee" hat Kontakt zu Erdmann von Burgsdorff, dem letzten Ahnen des östlichen Zweiges der Burgsdorff-Familie. Die Gutsbesitzer von Hohenjesar waren auch die Patronatsherren der Kirche - bis 1945.
Die im Stil eines nordischen Blockhauses errichtete Friedhofskapelle hat, als sie nach dem zweiten Weltkrieg zur Notkirche für die evangelischen und katholischen Christen wurde, Umbauten erfahren. Der einst offene Vorraum erhielt Fenster und wurde geschlossen. Das ursprüngliche Mittelfenster des Altarbereiches wurde zugemauert, dafür zwei seitliche Fenster mit bunten Glassteinen eingebaut. Die heutige Inneneinrichtung aus den 70er Jahren geht federführend auf die katholische Gemeinde zurück. Auch der Altartisch und das Lesepult, weiß Pfarrer Martin Müller, der seit 1984 die evangelische Gemeinde Hohenjesar betreut. In deren Eigentum befinden sich seit der Wende auch wieder Kapelle und Friedhof. Nein, er habe kein Problem damit, dass beide Konfessionen unter einem Dach beten, sagt der Pfarrer. "Wir glauben schließlich an den selben Gott." Anna Schultz, die Katholikin, gibt ihm Recht.