Den Anhänger, den Hans Minge um den Hals trägt, hat ihm ein Maori-Häuptling in Neuseeland aus Knochen geschnitzt. Ein halbes Jahr wurde das Symbol der Meereswelle von Stamm zu Stamm weiter gereicht und gesegnet – und dabei Geschichten erzählt, was Familie Minge in14 Monaten auf ihrem Segelschiff erlebt hat.
Von Juli 1989 bis September 1990 segelte das Ehepaar mit der neunjährigen Tochter Maria und dem 26 Jahre alten Sohn Andreas von Deutschland zu den Fidschi-Inseln. Auf einem knapp elf Meter langen und (mit den beiden Außenrümpfen zur Stabilisierung) acht Meter breiten Trimaran. Als „extrem stabil und unluxuriös“ beschreibt Hans Minge die „Tristar“. Drei Jahre lang hatten sie sich intensiv vorbereitet: Das Navigieren nach den Sternen geübt, sich mit Küsten und Klima auseinander gesetzt und viele Prüfungen abgelegt, zum Beispiel für Segel- und Funkschein. Es galt, einen Stundenplan für Tochter Maria auszuarbeiten, sich für medizinische Notfälle auszurüsten und mit der Familien-Mannschaft Segeln zu trainieren. Minges wollten alles zurück lassen auf den Fidschi-Inseln ein naturverbundenes Leben beginnen. „Meine Frau hatte die Idee mit der Schiffsreise“, sagt Hans Minge. „Sie meinte, dann ist der Kulturschock nicht so groß, als wenn man aus dem Flugzeug steigt.“
Hochseesegeln sei selten Mittelmaß, sondern entweder wunderschön oder sehr hart. Vor Gran Canaria schaffte es die Familie knapp, einer bewaffneten Piratenbande zu entkommen, indem sie deren Schiff mit Signalraketen und anderen Täuschungsmanövern abwehrten. Zwischen Panama und Tahiti hatte die Familie mit Gegenwinden und unberechenbaren Strömungen zu kämpfen. Sie waren gezwungen, das Trinkwasser mit Destillation aufzufüllen. Nach sechs statt geplanter drei Wochen erreichten sie das Zwischenziel. Zu ihrem elften Geburtstag wünschte sich Tochter Maria eine Packung Kekse und Angelzeug. „Der Mensch kann seine Bedürfnisse so weit zurückschrauben und dabei sehr glücklich sein“, sagt Hans Minge.
Die Schiffsreise sei seine zweite „Seelenreinigung“ gewesen. Die erste habe er im Gefängnis erlebt, als er den Zusammenhalt zwischen den politischen Gefangenen erfuhr. „Ich möchte das nicht nochmal durchmachen – aber diese Erlebnisse haben mich auch zu dem gemacht, der ich bin“, sagt er heute. Hans Minge war 1982 mit Sohn Andreas am Ostseestrand verhaftet worden. Sie hatten versucht, mit einem Faltboot nach Dänemark zu fliehen. Die Lichter der freien Küste vor Augen, mussten sie wegen Gegenwindes umkehren.
Dabei ging es Hans Minge rein finanziell gut in der DDR. Der Werkzeugmacher hatte die Ausbildung zum Isotopentechniker gemacht und arbeitete in der Krebsforschung. Doch seine Forderung nach „mehr Demokratie“ machte ihn verdächtig. Sie wurden ständig überwacht. „Beim Telefonieren hat sich der Stasi-Spitzel geräuspert“, erinnert sich Hans Minge.
Nachdem er vom Westen frei gekauft wurde, kam er am 21. Juni 1983 im Notauffanglager in Gießen an. Im Schwarzwald erholte er sich von der strapaziösen Haft. Von seinem ersten Geld, das er an einer Tankstelle verdiente, kaufte sich Hans Minge eine Cortez-Gitarre. Die spielt er noch heute jeden Tag.
Schon als die restliche Familie ein halbes Jahr später in den Westen nachkam, war da der Gedanke, auszuwandern. Die Wende erleben sie auf Gran Canaria, über Fernsehen in einer Hafenkneipe. Auf einer der Fidschi-Inseln bauten sie eine kleine Farm auf, lebten alternativ. Später baute Hans Minge auf der Hauptinsel eine Honigproduktion auf, während seine Frau eine Galerie mit selbst gefärbten Tüchern eröffnete. Hans Minge lernte die Art der Polynesier zu schätzen – und die gemeinsamen Musikabende am Feuer.
Ende 1993 erkrankten die Schwiegereltern schwer und Minges kehrten nach Deutschland zurück. 1999 zog das Ehepaar ins Oderbruch, weil sie wieder Natur um sich brauchten. 2000 bildete sich Hans Minge zum Strahlenschutzfachmann weiter und arbeitete in Deutschland, in der Schweiz, Kanada und Belgien. Aktuell erkundigen sich täglich Bekannte bei ihm, was sie von Nachrichten über Kernschmelze in Japan zu halten haben. Minge beruhigt: Von der Radioaktivität wird wenig nach Deutschland gelangen und keine gravierenden Auswirkungen haben.
Auch als Rentner wird Hans Minge nicht langweilig. „Die Tage könnten doppelt so lang sein“, sagt er. Er ist engagiert im Kulturverein, schreibt ein Buch, unterrichtet an der Musikschule und plant mit Stefan Hessheimer von der Galerie „Koch und Kunst“ Großneuendorf ein Musikprojekt, das die Entwicklung des Blues nachzeichnet. „Blues – das ist für mich die Rückkehr zum Ursprung, wie alles anfing“, sagt Hans Minge. So, wie er es immer praktiziert hat.