Karl Ludwig war 21 Jahre jung und schon ausgebildeter Kfz-Ingenieur, als er im Februar 1945 nach Frankfurt (Oder) kam und von dort zu Fuß in seinem Einsatzort Lebus marschierte. Bei der Luftwaffe, wo der junge Österreicher bis dahin Bordmechaniker ausgebildet hatte, benötigte man ihn nicht mehr.
In Lebus bezog der Soldat einen Schützengraben am Bahnhof. Und zwar noch in der Ausgehuniform, in der er gereist war. Wärmere Kleidung erhielt er Stück für Stück von gefallenen Kameraden. Während der folgenden vier Wochen habe er die Stadt nicht ein einziges Mal gesehen, sagt der Zeitzeuge, der sich bei seinem Besuch jetzt wunderte, "wie groß der Ort doch ist".
Was er vor allem ab Anfang März 1945 in der Stellung am Lebuser Bahnhof erlebte, das hat sich tief in Karl Ludwigs Gedächtnis eingegraben. So berichtet er, dass ihn ein Obergefreiter, der ihm von seiner Frau und den zwei Kindern erzählt hatte bat, ihm zum so genannten "Heimatschuss" zu verhelfen. "Wir wussten, wie gefährlich das war. Wenn es heraus kam, drohte uns beiden der Strick", erklärt der Zeitzeuge.
An einem Abend, als es dämmerte und Schusswechsel einsetzte, habe sich der Obergefreite hinter einen Baum gestellt und die Hand vorgehalten. Aus größerer Entfernung - es durften ja keine Schmauchspuren zu sehen sein - habe er die Hand beim zweiten Versuch mit einem Streifschuss getroffen, erinnert sich Karl Ludwig. Der Obergefreite kam ins Lazarett. Zehn Jahre später habe er ihn mit seiner Familie besucht, die ihm um den Hals gefallen und für die Rettung des Vaters gedankt habe, sagt Ludwig.
Er erinnert sich auch noch genau daran, wie er in einem Graben hinter der Bahnlinie einen "zwischen 50 und 60 Jahre alten Volkssturm-Mann aus Lebus oder der Umgebung der Stadt" fand. Er war tot. Der Österreicher begrub ihn an Ort und Stelle. Denn wegen der anhaltenden Kämpfe konnten die Toten nicht weggebracht werden.
Einen Kameraden, der durch Granatsplitter verletzt wurde, konnte Karl Ludwig immerhin verbinden und später mit einem anderen Soldaten wegbringen.
Am 9. März 1945 "feierte" der Soldat im Keller des Bahnhofsgebäudes seinen 22. Geburtstag. Einen Tag später sollte er in einem Spähtrupp aufklären, warum es plötzlich so ruhig an der Kampflinie geworden war. Doch der Spähtrupp zog nie los: Denn um Mitternacht "ging die Hölle los", wie Karl Ludwig sagt. Er entkam der sowjetischen Offensive als Verwundeter.
Im Lazarett in Kühlungsborn, an der Ostsee, kam Karl Ludwig in russische Kriegsgefangenschaft. Als ihn eine russische Ärztin warnte, dass der Abtransport nach Sibirien bevor stände, handelte der junge Ingenieur entschlossen: Von einem Wolgadeutschen ließ er sich Reisedokumente in kyrillischer Schrift ausstellen. Den "Stempel" fertige er aus einer Kartoffel selbst an. Mit den gefälschten Dokumenten kam Karl Ludwig tatsächlich bis nach Österreich. Dort gründete er eine Familie mit drei Kindern und baute einen Automobilbetrieb auf.
Die Zeitzeugenberichte und Kopien der zeitgeschichtlichen Dokumente werden im Archiv des Museums "Haus Lebuser Land" aufbewahrt.