Vera S., Mutter eines Grundschülers aus Werneuchen, hatte sich erstmals im Frühjahr 2019 gewundert: Ihr Kind sollte das Frühlingslied "Es geht eine helle Flöte" lernen. Weil sie selbst das Lied nicht kannte, suchte sie den Text im Internet und stieß auch auf den Autor Hans Baumann. Und auf den Bericht dazu in der Märkischen Oderzeitung vom Februar 2015.
Jugend zum Krieg ermuntert
Darin wird darüber aufgeklärt, dass Hans Baumann nicht nur Frühlingslieder, sondern ab 1932 vor allem Liedgut der Hitlerjugend und des Bundes Deutscher Mädel verfasst hatte. Als Mitglied der Reichsjugendführung schrieb er unter anderen das Lied "Es zittern die morschen Knochen", das mit der Liedzeile "und heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt" die deutsche Jugend zum Vernichtungskrieg gegen die Völker der Welt ermuntert hatte. Baumann hatte nach Kriegsende in der BRD Karriere gemacht. Seine Texte durften in Liedersammlungen und Lehrbüchern erscheinen. So lernte unter anderem auch der Kinderliedermacher Rolf Zuckowski, der in Hamburg in einem sozialdemokratischen Elternhaus aufwuchs, Baumann-Lieder kennen und übernahm sie später auf CDs wie "Liederbüchermaus".
In der DDR war Hans Baumann wegen seiner Nazi-Dichtung verboten. Die Lehrer der "Grundschule am Rosenpark" in Werneuchen hatten die Hinweise der Mutter sehr ernst genommen und das Lied aus dem Lehrplan genommen, erklärte Schulleiterin Heike Hansch. Um so erstaunter aber waren Eltern wie Lehrer als sie im Herbst feststellen mussten, dass sich auch im Lesebuch "Lesefreunde 4" vom Cornelsen-Verlag ein Text von Hans Baumann fand. Für die Eltern war das ein Grund, sich an Bildungsministerin Britta Ernst zu wenden. Die Mutter fragte darin: "Wie leichtfertig prüft man das Material, das zur Bildung unserer Kinder als Schulmaterial gegeben wird?"
Die Schule reagierte im September umgehend. "Wir haben den Text aus dem Lehrplan genommen und beim Verlag nachgefragt, wie es zur Aufnahme des Baumann-Textes in das Lesebuch kommen konnte", so die Schulleiterin. Daraufhin habe der Verlag versichert, bei künftigen Auflagen den Text kritisch prüfen zu wollen und auf die Biografie des Autors hinzuweisen.
Das Bildungsministerium reagierte am Montag auf MOZ-Anfrage sofort: "Anlässlich der berechtigen Hinweise wird den Schulen in öffentlicher Trägerschaft und damit auch den Lehrkräften durch das Ministerium mitgeteilt, dass auf die Verwendung der Texte von Hans Baumann verzichtet werden soll, auch wenn diese in Schulbüchern abgedruckt sind. Zudem wird der Verlag über die kritischen Texte und die NS-Vergangenheit von Hans Baumann informiert", so Vize-Pressesprecher Peter Misch.