Für die Reitweiner ist es noch immer das Gutshaus, wenn sie von dem roten Klinkerbau im Zwingerweg sprechen. Es gehörte zum ehemaligen Gutshofkomplex, von dem nur noch dieses frühere Inspektorhaus und der Gutsspeicher an die Reitweiner Schlossherrenzeit erinnern. Aus dem Inspektor- oder Gutshaus, in dem auch schon die BHG (Bäuerliche Handelsgenossenschaft) saß, wurde ein Wohnhaus. In einen Teil des alten Speichers zog 2006 die Feuerwehr ein. Die beiden historischen Gebäude mit ihrer über 150-jährigen Geschichte führen ein neues Eigenleben – angepasst an die heutigen Bedürfnisse der Gemeinde.
Das Gutshaus war das erste Wohnhaus in Reitwein, das die Kommune nach der Wende sanierte. „Aus der Not heraus“, sagt Jürgen Schulz, der damalige Bürgermeister in Reitwein. „Und wie sich bei den Bauarbeiten herausstellte, musste weit mehr verändert werden, als wir ursprünglich gedacht hatten“, erinnert sich der heutige Mitarbeiter in der Amtsverwaltung Lebus. Am schwierigsten sei es gewesen, die einstigen Mieter für die schlimmsten Wochen des Bauens woanders unterzubringen. Es seien anstrengende Monate gewesen, ist dem Reitweiner noch heute bewusst.
„Vor fast einem Jahr war mit Abrissarbeiten im Dachbereich und bei den Innenwänden begonnen worden, im Herbst '92 gingen die Bauarbeiten richtig los“, hieß es in einem Artikel des Oder-Journals der Märkischen Oderzeitung Ostern 1993.
„In einer 150-jährigen Hülle präsentieren sich nun bereits neun moderne schall- und wärmegedämmte Wohnungen“, hieß es in dem Beitrag. Nur zwei Bäder hätten kein Fenster, einige Zimmer Dachfenster. Die Außenfassade blieb in ihrer ursprünglichen Form erhalten und wurde ausgebessert, hieß es zu den baulichen Veränderungen.
Rund 1,4 Millionen DM wurden in dem Gutshaus verbaut, die Hälfte der Summe wurde über EG-Fördermittel im Rahmen der Dorferneuerung finanziert, für den anderen Teil nahm die Gemeinde einen Kredit auf, wie Karl-Friedrich Tietz, der Nachfolger von Jürgen Schulz im Bürgermeisteramt und Mitglied des aktuellen Gemeinderates weiß.
An diesem Kredit trage die Gemeinde noch heute. 145 000 Euro standen am Jahresbeginn 2010 noch als Darlehnsschuld zu Buche, wie im Amt Lebus zu erfahren war. „Eigentlich müsste nach dieser langen Zeit bereits wieder einiges am Gutshaus gemacht werden, wie zum Beispiel der Keller. Er blieb damals beim Umbau Anfang der 90er-Jahre außen vor“, sagt Karl-Friedrich Tietz. Und er unterstreicht: „Der Umbau 1992/93 war für die Gemeinde eine große Kraftanstrengung. Alle Wohnungen haben ein Bad bekommen, die Ofenheizung wurde umgestellt auf Gas.“
Das sei etwas ganz anderes gewesen, als in ihrer alten Wohnung im Wuhdener Weg, erzählt Edith Schulz. „Am 17. Juli 1993 sind mein Mann und ich hier eingezogen. Bis 1997 haben wir oben gewohnt. Dann sind wir runter gezogen, weil die Wohnung kleiner war und auch weniger Miete kostete“, erinnert sich die 72-Jährige. „Am besten fand ich das Bad mit dem Warmwasserboiler und die Gasheizung. Wasser und Wärme aus der Wand – das hatten wir vor unserem Einzug noch nie.“ Else Schröder, die im August 1997 ins Gutshaus zog, gibt ihr Recht. Der einzige Nachteil sei, dass ihr Bad kein Fenster habe.Auch sie fühlt sich wohl in ihrer Wohnung. Gleich gegenüber hat sie einen kleinen Garten gepachtet. „Jetzt wohne ich sogar im Grünen“, schwärmt die Seniorin.