Gerade in Küstrin-Kietz und Kostrzyn sind 75 Jahre nach der Kriegszerstörung und Teilung die Spuren der Geschichte stark verweht. Vieles ist nur noch fragmentarisch vorhanden. Es bedarf der Heimatforscher vom Verein für die Geschichte Küstrins, vom Festungsmuseum Kostrzyn und vom Bahnhofs-Verein, den Bewohnern und Gästen die Zusammenhänge vor Augen zu führen. Andy Steinhauf hat mit dem 100seitigen Band "85 Jahre Deutschlandsiedlung Küstrin-Kietz" einen wertvollen Beitrag dazu geleistet. Bereits im August 2006 hatte die MOZ dieser Siedlung, die ab 1934 vor allem für kinderreiche, "arische" Arbeiter- und Flüchtlingsfamilien errichtet wurde, eine ganze Seite gewidmet. Ortschronist Friedrich Herbstreit hatte damals die Informationen gegeben. Fazit vor 13 Jahren: Aus den uniformen Häusern ist durch Neu- und Umbauten eine vielfältige Siedlung erstanden. Heute kann man ergänzen, dass dort auch zunehmend junge polnische Familien ihre Heimat finden.
Viele Akten durchforstet
Andy Steinhaus ist nun intensiv in die Geschichtsforschung eingestiegen, hat Zeitzeugen befragt und die Archive durchforstet. Der Leser erfährt, dass das später wegen des Krieges nur teilweise umgesetzte Konzept der Deutschlandsiedlung, also der Abbildung des damaligen Deutschlands durch Straßennamen, ursprünglich gar nicht so beabsichtigt war. Das Projekt hieß zunächst "Hitler-Siedlung" und "SA-Siedlung". Steinhauf beschreibt die Querelen, mit denen die Küstriner Stadtväter zu kämpfen hatten, um die entsprechenden Reichsdarlehen zu bekommen. Die Siedlerstellen sollten den glücklichen Bewerbern für zunächst drei Jahre verpachtet werden und dann in deren Besitz übergehen, Die Siedler sollten "erbbiologisch einwandfrei" und "deutschen oder artverwandten Blutes" sein.
Heimrecht Küstriner Firmen
Bei der Ausschreibung der Arbeiten gab es schon damals Streit zwischen einheimischen Firmen, die ein Vorrecht beanspruchten, und "ortsfremden". Zu Letzteren zählten bereits schon die Manschnower Firmen, die deutlich günstigere Preise boten. Bis auf Dachdecker Fröhlich aus Manschnow gingen die Aufträge aber doch hauptsächlich an Küstriner Firmen, Die Siedler hatten selbst mit Hand anzulegen. Interessant sind die Siedler-Namen, die der Chronist sämtlich aufführt. Viele sind darunter, die noch immer in der Region geläufig sind. Steinhauf beschreibt die Evakuierung und Zerstörung vor 75 Jahren ebenso wie den Wiederaufbau und die Errichtung von Eisenbahnerhäusern, Kindergarten, Jugendclub und Feuerwehr.
Andy Steinhauf, "85 Jahre Deutschlandsiedlung Küstrin-Kietz, Frankfurt/O. 2019, ISBN: 978-3-9816591-8-4