Bis kurz vor 9 Uhr rollte der Grenzverkehr über die Oderbrücke, die jede Überquerung mit einem geräuschvollen Wackeln und Beben begleitet, als sei keine Sperrung angekündigt. Dann kam das blaue Spezialfahrzeug der Berliner Firma Easy Lift. Es war bis vor kurzem noch im polnischen Nysa im Einsatz. "Wir helfen bei Brückenuntersuchungen in ganz Europa" erklärte Mario Balzer, der das Untersuchungsgerät steuert. Es ermöglicht den polnischen Spezialisten, von der ausfahrbaren Arbeitsbühne aus die erforderlichen Messungen und Dokumentationen durchzuführen.
Die Brücke ist bereits seit vielen Jahren nur für Fahrzeuge mit einem Gesamtgewicht von 7,5 Tonnen zugelassen, was von den Behörden und der Polizei jedoch nur selten kontrolliert wird. Busse und 40-Tonner werden dort häufig beobachtet. Die Brückenkontrolltermine häufen sich. So hatte es erst im Dezember eine Überprüfung gegeben.
Brücken-Inspektion in Küstrin-Kostrzyn

Bildergalerie Brücken-Inspektion in Küstrin-Kostrzyn

Der geplante Neubau soll zwischen der alten Straßenbrücke und der im Bau befindlichen Bahnbrücke errichtet werden. Dort, wo bis 2025 die neuen Brückenlager errichtet werden, standen bis zur Zerstörung der Altstadt bei der Schlacht um Küstrin vor 75 Jahren wichtige Einrichtungen.
So befand sich auf dem westlichen Ufer, wo jetzt die Firma Matthäi das Materiallager für den Bahnbrückenbau eingerichtet hat, die Odermalzfabrik. "Während der Kämpfe um Küstrin im Zweiten Weltkrieg hatten sich Wehrmachtssoldaten im Keller der Fabrik verschanzt. Laut Überlieferungen bekam die Fabrik einige Volltreffer ab, so dass die Soldaten im Keller verschüttet wurden. Zu einer Bergung kam es wohl nicht mehr", fasst der Lokalhistoriker Andy Steinhauf die Informationen über diesen Teil der Altstadt zusammen.
Am östlichen Ufer wird das Lager der Straßenbrücke in dem Bereich der einstigen Knabenmittelschule errichtet, die im Krieg als Hilfslazarett genutzt wurde. Bis 1945 gab es an der Stelle, an der heute eine Zufahrtsstraße vom Kostrzyner Rathaus auf die Grenzstraße trifft, drei Wohnhäuser. Eine Spur der 1992 umgebauten Grenzstraße folgt der alten Friedrichstraße. Die heute stillgelegte Spur führt direkt über den einstigen Standort der Häuser.
Deren Innenhof lag auf dem Gelände des heutigen Wasserwerks. Er begann unmittelbar hinter dem dortigen Drahtzaun. Der Zeitzeuge Klaus Thiel weiß, dass auf diesem Hof knapp 400 Tote begraben wurden: "Die Lage war ideal, da die meisten Toten ja aus der unmittelbaren Nachbarschaft, dem Hilfslazarett in der Mittelschule, stammten." Belegt werde dies auch in den Darstellungen des Historikers Fritz Kohlase. Weil es kein anderes Material für Grabkreuze gab, wurde Holz von Obstkisten dafür verwendet, so Klaus Thiel.
Erstes Haus an der Friedrichstraße war die Städtische Knabenmittelschule. Verdeckt daneben stand das Hotel Kronprinz, das zunächst als Kindergarten, ab 1940 als Schlafplatz für französische Kriegsgefangenen genutzt wurde.
Die Wohnhäuser entlang der Friedrichstraße wurden auch "Ostbundhäuser" genannt. Sie gehörten der Wohnungsgesellschaft Deutscher Ostbund, Berlin, ergänzte Martin Rogge, Vorsitzender des Vereins für die Geschichte Küstrins.

Straßenbrücke über die Oder in Küstrin-Kostrzyn


Als die Brücke im November 1992 wiedereröffnet wurde, sollte die dabei verwendete Behelfsbrücke eine Bestandsdauer von zehn Jahren haben. Nun sind es schon knapp 28 Jahre. Inzwischen steht fest, dass es einen Neubau geben wird, bei dem Polen die Regie führt. Im Mai haben Deutschland und Polen dazu ein Abkommen geschlossen. Auf deutscher Seite erhält die Brücke ihr Lager im Zuge der Ostbahnstraße auf dem Areal der "Schanze", auf der bis 1945 die Odermalzfabrik stand. Auf polnischer Seite kommt das Lager in den Bereich der einstigen Küstriner Knabenmittelschule. Die Kosten für Deutschland werden auf drei Millionen Euro geschätzt. Die Vertragsparteien streben an, sowohl das Vorhaben als auch die Anbindung bis Ende 2025 fertigzustellen. ulg