Steinerndes Gedächtnis
Als 1989 der eiserne Vorhang fiel, führ Dr. Rohr sofort in die alte Heimat. Er fand  kein einziges der 60 Häuser, die einst den Ort Kietz ausmachten. Ein Ort, der über Jahrhunderte stolz seine Selbstständigkeit bewahrte und mit der gemeinsamen Bewirtschaftung der Ländereien durch alle Familien bis heute eine Ausnahme in der Geschichte bildete. Die Vision des Mediziners, Teile von Kietz nach 1990 wieder herzurichten und einer Nutzung zuzuführen, einschließlich der Gebäudekomplexe auf der Oderinsel, mündeten sogar in eine konkrete Planung. Er hatte sie selbst in Auftrag gegeben und finanziert. Doch die Pläne blieben im brandenburgischen Sand stecken. Joachim Rohr resignierte jedoch nicht. Er nahm sich eines ungewöhnlichen Projektes an, dem Kietzer Friedhof. Mit seiner Frau, der Ärztin Dr. Maria Rohr, und Helfern leistete er über mehrere Jahre unzählige Stunden auf dem völlig verwilderten Areal. Der Friedhof war 1990 nicht mehr als solcher erkennbar. Grabsteine wurden geborgen, deren Inschriften von Steinmetzen wieder sichtbar gemacht, Wildwuchs beseitigt, Mutterboden angefahren und vieles mehr. Für sein beispielloses Engagement, zu dem auch immer wieder erhebliche finanzielle Beiträge gehörten, ehrte ihn der Verein für die Geschichte Küstrins am Sonnabend mit dem Johannes-Preis 2019.
Der Gewürdigte kam mit seinem Sohn Prof. Dr. Alexander Rohr. Der Arzt reiste dafür eigens aus seiner derzeitigen Wahlheimat Kanada an. Er hielt für seinen Vater auch Teile von dessen Dankesrede. "Er hat ein Herz voller Geschichte und Gechichten", so Sohn Alexander. Er sei dankbar, dass sein Vater ihn mit hinein genommen hat in die Geschichte seiner Vorfahren und die einer ungewöhnlichen Stadt. Am alten Friedhof komme sie auch für ihn als Nachgeborenen zusammen.
150 Grabsteine wurden im Laufe der Jahre geborgen, repariert und aufgerichtet. 120 Steine hatten noch verwertbare Inschriften. Das Besondere: Sie alle geben nicht nur Auskunft über Sterbe- und Todesdaten, sondern auch über Stellung und Beruf. "Dieser Friedhof ist ein Spiegelbild der früheren Bewohner", zitierte Alexander Rohr seinen Vater. "Es ist das steinerne Gedächtnis des Ortes." Auch der Friedhof war Eigentum der gesamten Gemeinschaft. 1945 waren dort auch in einem Massengrab Kriegstote bestattet worden. Mit Unterstützung des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge wurde dieser Bereich als Kriegsgräberstätte  hergerichtet. Aufgrund seiner sozial-, orts-, kultur- und zeitgeschichtlichen Bedeutung wurde der Friedhof 2003 in die Denkmalliste aufgenommen. Ohne Dr. Joachim Rohr hätte die Gemeinde dieses Kleinod nicht zurückerhalten. Martin Rogge dankte namens des Vereins, in dem Rohr seit 25 Jahren Mitglied ist. Zur Auszeichnung hatte er wieder historische Aufzeichnungen als Gastgeschenk mitgebracht.
Der Lübecker zeigte sich gerührt von der Anerkennung, dankte allen, die ihn in seinem Ansinnen über Jahre unterstützten, auch dem Cüstriner Landgut, das mit Technik half und jetzt die Wiesen rund um den alten Friedhof so gut pflege, freute sich Rohr. Um ein naturbelassenes Gesamtareal zu schaffen, hatte er auch angrenzende Flurstücke erworben. Rohr reiht sich ein in die Johannes-Preis-Chronik des Vereins.  Erster Preisträger war 2013 Dr. Herbert Tamm. Ihm folgten Fritz Kohlhase, Rudi Vogt, Horst Herrmann, Ziegniew Czarnuch und Prof. Joachim H. Sorsche.