Am Freitag war an der Hafenmühle Finissage der Ausstellung "100 Jahre Leben", die ihren Titel nach dem Buch vom Andreas Labes (Fotos) und Martin Pallgen (Text) hatte.
Die Mühle am Deich, seit acht Jahren Arbeits- und Lebensmittelpunkt von Fanziska Labes und Jörg Hannemann, war noch ein Neubau, als die meisten im Buch und in der Ausstellung gezeigten 100-Jährigen geboren wurden. Vielleicht liegt es an dieser Gemeinsamkeit des Alters, dass die Schwarz-Weiß-Fotos sich so organisch in den Ausstellungsraum einfügen.

Christian Gehlsen aus Sachsendorf mit Laudatio

Christian Gehlsen (77), der bekannte Theologe und Politiker aus Sachsendorf, stellte in der Laudatio die Fragen, die die eindrucksvollen Fotos auslösen: Was haben diese Menschen gesehen? Was müssen sie alles erlebt haben! Er bat die Gäste, die Augen zu schließen und an die Großeltern zu denken, an die gemeinsame Zeit, wenn sie einem vergönnt war. Und er freute sich, dass von allen fotografierten 100-Jährigen ausgerechnet das Foto der Emilie Böning den Auftakt geben durfte. Einer Frau, die ihr Leben auf einem Bauernhof bei Göttingen verbracht hatte.
Gehlsen bekannte seine Leidenschaft für die "kleinen Leute", deren Lebenszeit vor allem angefüllt war mit Arbeit und Aufopferung für andere. Ohne deren Tun wohl viele die schlimmsten Zeiten nicht überlebt hätten, wie der selbst im Krieg geborene Laudator aus eigenem Erleben berichtete. Er erzählte von ähnlichen Menschen, die ein gleiches Schicksal auch im Oderbruch hatten. Das Bild dieser Frau erinnere an sie, die sich weder Urlaub noch Luxus geleistet hätten. Anders all all jene, die es sich an diesem Sommerabend vor der Hafenmühle auf den Stühlen gemütlich gemacht hatten und die Angebote des Cafés genossen. "Mal eine Tagesfahrt nach Köln oder Hamburg. Das war es", wird Emilie Böning im Buch zitiert. Wobei auch Christian Gehlsen gestand, dass die Erinnerung viele Schubfächer hat und einige von denen so klemmen, dass sie gar nicht mehr aufgehen wollen. Das trifft natürlich auch und sehr stark für das Leben auf dem Lande im Deutschland des vorigen Jahrhunderts zu.
Hundertjährige in der Hafenmühle

Bildergalerie Hundertjährige in der Hafenmühle

Ein Wiedersehen gab es für Regine und Horst Würtz aus Seelow beim Durchblättern des Fotobands. Sie entdeckten ein Mitglied ihrer Familie wieder, das 104 Jahre alt geworden ist. Im Buch ist lediglich ein Foto von ihr enthalten: Hedwig Petraschewsky, geboren 1905 in Wiese, (Mohrungen/Ostpreußen). "Es ist die Oma unseres Schwiegersohns", erzählt Horst Würtz und überrascht damit Andreas Labes. "Sie war eine eine energische Person", erinnert sich Horst Würtz an die Frau, die ihre Erinnerung an Flucht und Vertreibung zu ihrem 100. Geburtstag geschildert hatte. Er habe seine Großeltern nicht erlebt, so Würtz. Aber die Ausstellung habe ihn sich an seinen Vater erinnern lassen, der lebenslang schwer auf dem Bau in Seelow gearbeitet hatte.